Das Teilen von Lehrkonzepten schafft (inter-)nationale Aufmerksamkeit

Dr. Maximilian Heimstädt über seine Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Dr. Maximilian Heimstädt
Foto: Sascha Friesike

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Das Teilen von offenen Lehrkonzepten – sog. Syllabi – schafft Aufmerksamkeit in der nationalen und internationalen wissenschaftlichen Community.
  • Open Courses zu aktuellen Forschungsthemen bieten Chancen für die digitale Lehre der Zukunft.
  • Open Access erlaubt auch Journalist:innen und Interessierten außerhalb der Wissenschaft, Forschungsergebnisse zu lesen. Das wiederum erhöht die Zahl potenzieller außerwissenschaftlicher Kooperationspartner und verbessert den Wissenstransfer.

Stellen Sie Lehrmaterial als Open Educational Resources zur Verfügung?

MH: Ich lade frei lizenzierte Syllabi hoch, weil ich es selbst extrem praktisch finde, wenn andere Leute das tun. Ein Syllabus ist im Prinzip ein Lehrkonzept. Der Terminus kommt aus den USA. Was ist das Thema? Was sollen die Studierenden lernen? Warum ist es aktuell relevant? Dazu gehört dann noch der Wochenplan mit der Lektüreliste. Das Teilen der eigenen Syllabi habe ich erstmals bei US-Wissenschaftler:innen auf Twitter gesehen. Ich fand es total interessant, zu sehen, wie unterschiedlich Leute ihre Lehre gestalten. Da hat man ja sonst kaum einen Einblick. Im Idealfall bekommt man so ein Lehrkonzept mal von seinen Mentor:innen weitergereicht. Aber zu sehen wie unterschiedlich ein Thema, das mich interessiert, woanders auf der Welt unterrichtet wird, finde ich sehr interessant. Da konnte ich so viele Literaturhinweise rausziehen. Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich das andersherum auch mache. Ich habe das dann auf meiner Webseite hochgeladen und getwittert. Vor allem habe ich die Leute, deren Literatur ich verwendet habe, darauf hingewiesen.

Warum?

MH: Aus unterschiedlichen Gründen: Zum einen wollte ich, dass die Kolleg:innen darauf aufmerksam werden, dass ich zu dem gleichen Thema arbeite wie sie. Zum anderen weiß ich, dass es Non-Tenured-Forscher:innen in den USA in ihr Tenure-Papier reinschreiben können, wenn ihre Artikel woanders gelehrt werden. Dann habe ich das Gefühl, ich helfe und kommuniziere, dass ihre Forschung auch in Deutschland wahrgenommen wird. Diese Tweets mit einem Syllabus waren unglaublich populär. Das finde ich wirklich eine sehr gute Praxis. Ich fände es super, wenn es dafür Repositorien gäbe. Es wäre unfassbar hilfreich, wenn ich an einem Ort zehn Syllabi fände, wie Leute beispielsweise Einführung in die Organisationstheorie lehren.

Welche Vorteile erleben Sie persönlich durch das Teilen von Lehrkonzepten?

MH: Ich habe einen Syllabus veröffentlicht zu einem Kurs, der hieß „Algorithms and Organizations“. Der wurde ziemlich viel geteilt. Das hat dazu geführt, dass ein Kollege auf mich zukam, der bei mir im Umfeld wohnte obwohl er am anderen Ende von Deutschland beschäftigt war. Er bot mir einen Gastvortrag in meiner Vorlesung an. Somit wurde der Kurs noch besser, weil ich auch noch einen Forschungsvortrag hatte. Das wäre sicherlich auch etwas für die digitale Lehre. Wenn zum Beispiel Studierende von anderen Einrichtungen diese Syllabi sehen und der Kurs an ihrer Universität nicht angeboten wird, können sie fragen, ob sie trotzdem daran teilnehmen können. Das ist ja auch absolut im Sinne der wissenschaftlichen Community.

Sie haben 2015 zusammen mit Leonhard Dobusch zum Thema „Open Educational Resources in Deutschland: Entwicklungsstand und Perspektiven“ veröffentlicht. Welche Rolle spielen Open Educational Resources 2021 in der Wirtschaftsforschung?

MH: Wir hatten das 2015 nicht systematisch für Hochschulen angesehen, sondern vor allem für die schulische Lehre. Ich beobachte im Hochschulbereich aber eine Grass-Root-Entwicklung. Leonhard Dobusch hat beispielsweise einen Kurs entwickelt „Organizing in Times of Crisis“, ein kollaborativer Open Course für Masterstudierende in BWL, Management und Organization Studies. Da haben beispielsweise Elke Schüßler aus Linz mitgemacht oder Thomas Gegenhuber, Daniel Geiger aus Hamburg oder Ali Gümüsay vom HIIG aus Berlin oder Hannah Trittin-Ulbrich von der Leuphana Universität in Lüneburg – also Organisationswissenschaftler:innen aus Deutschland und Österreich. Das ist in meinen Augen ein Zukunftsmodell für die Lehre. Ich finde diesen offenen Kurs super, den ich jetzt in meiner Lehre auch einsetzen kann. Frei lizenzierte Lehrbücher in den Wirtschaftswissenschaften kenne ich nicht so viele. Ich fände es sehr wichtig, wenn sich etablierte Wissenschaftler:innen für frei lizenzierte Lehrbücher einsetzen würden. Gerade in der Betriebswirtschaftslehre wird ja immer mehr in englischer Sprache gelehrt. Unsere Lehrbücher sind aber deutsch, d.h. wir müssen die sehr teuren US-Lehrbücher oder britische Lehrbücher kaufen. Von denen erscheint dann alle paar Jahre eine neue Auflage und die Hochschule muss die alten Bücher rauswerfen. Das ist meiner Ansicht nach auch eine Verschwendung von Ressourcen.

Spielen Methodendiskussionen in Richtung Openness eine Rolle in der Lehre?

MH: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, den Studierenden zu erklären, wie ein Artikel entsteht. Wir reden also nicht nur auf der Inhaltsebene, sondern unterhalten uns auch über den Weg von der Idee bis zur Veröffentlichung in diesem Journal. Darauf habe ich auch sehr positive Rückmeldungen bekommen, weil diese Diskussion sonst kaum in Seminaren stattfindet. O-Ton war, dass sich die Studierenden sehr dafür interessieren „wie die Wurst gemacht wird“. Diese kritische Auseinandersetzung ist in der Regel auch nicht in den Kursen zum wissenschaftlichen Arbeiten enthalten. Man lernt dort im besten Fall etwas über den Unterschied zwischen Fachliteratur und „grauer“ Literatur. Aber nichts über das Zustandekommen von Artikeln oder Lehrbüchern. Ich glaube, skeptisch an Textgattungen oder Texte ranzugehen, hilft den Studierenden dann später auch im beruflichen Alltag.

Wann begann Ihr Interesse am Thema Open Science?

MH: Ich habe in meiner Doktorarbeit zu Transparenz und digitaler Offenheit in Stadtverwaltungen geforscht. Ich bin dabei auch mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen in Kontakt gekommen, die sich früh für mehr digitale Offenheit in der Wissenschaft eingesetzt haben. Organisationen wie die Open Knowledge Foundation haben schon früh die Frage aufgeworfen, ob wir in digitalen Zeiten weiterhin der Pfadabhängigkeit eines analogen Wissenschaftssystems folgen wollen oder ob jetzt nicht der richtige Moment für einen Pfadbruch sei. Meine Forschung zu Open Government Data in Stadtverwaltungen war ein guter Anlass, um zu reflektieren, wie ich selber mit Daten umgehen möchte. Ich habe dann angefangen, mich mit dem sehr breiten Spektrum des Open-Science-Begriffsapparates auseinanderzusetzen. Das erste Thema, mit dem ich mich viel befasst habe, war Open Access. Man muss als junger Wissenschaftler bzw. junge Wissenschaftlerin auch erst einmal verstehen, wie die Publikationsmärkte funktionieren und welche Vorschläge aus der Open-Access-Bewegung da schon seit den frühen 2000ern erarbeitet wurden. Aktuell interessiere ich mich sehr für die Potenziale des Open Peer Review für die Wirtschaftswissenschaften.

Welche Vorteile erleben Sie durch Open Access?

MH: Ich bekomme Presse- und Kooperationsanfragen basierend auf Artikeln, die ich in Open-Access-Zeitschriften oder als Postprint veröffentlicht habe. Artikel werden so öffentlich zugänglich, wenn die Themen gesellschaftlich aktuell und drängend sind. Viele Anfragen kommen von Menschen, die keinen institutionellen Zugang zu Subskriptionszeitschriften haben. Hätte ich diese Artikel nicht in Open-Access-Journals veröffentlicht, hätten diese Personen den Artikel nicht lesen können. Ich kommuniziere meine Open-Access-Artikel und Postprints nicht nur über unsere Presseabteilung, sondern immer auch selbst über Twitter und andere soziale Netzwerke. Es ist illusorisch, zu hoffen, dass Fachkolleg:innen, Medien oder potenzielle Kooperationspartner ständig alle Postprint-Repositorien im Blick haben. Man muss sich schon selbst sichtbar machen.

Nutzen Sie hauptsächlich Twitter oder auch andere Kanäle?

MH: Ich habe bisher vor allem Twitter genutzt, nutze jetzt aber auch LinkedIn vermehrt. Über Twitter geht’s mehr an die Wissenschaftscommunity und Journalist:innen, über LinkedIn eher an die Praktiker:innen.

Vielen Dank!

Über Dr. Maximilian Heimstädt

Maximilian Heimstädt ist Organisationsforscher und Leiter der Forschungsgruppe „Reorganisation von Wissenspraktiken“ am Weizenbaum-Institut in Berlin. Er forscht zu neuen Arbeits- und Organisationsformen der Wissenschaft, die oftmals unter dem Begriff „Open Science“ zusammengefasst werden. Er interessiert sich für „Openness“ als Praktik und Gestaltungsprinzip von Organisationen. In seiner Dissertation untersuchte er die Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Behörden in der Umsetzung von Open Data Strategien. Maximilian Heimstädt ist Mentor im Open Science Fellowship von Wikimedia Deutschland, Volkswagen Stiftung und Stifterverband.

Kontakt: https://heimstaedt.org/

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0003-2786-8187

Twitter: https://twitter.com/heimstaedt

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/maximilian-heimst%C3%A4dt-66263427/




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