Die wissenschaftlichen Communities müssen ihre Journals selbst betreiben

Prof. Dr. Jochen Koch über seine Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Prof. Dr. Jochen Koch

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Wenn die wissenschaftlichen Communities ihre eigenen Journals veröffentlichen, können die Zugangssperren zu Wissen überwunden werden.
  • Es braucht dringend neue Modelle mit wissenschaftlichen Verlagen.
  • Aufgezeichnete Lehrvideos in guter Qualität können wiederverwendet werden und schaffen Platz für Interaktionszeit mit den Studierenden.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass Forschung dem Genuss des akademischen Diskurses dienlich ist – was fördert Ihren Genuss am Diskurs?

JK: Diskurs erzeugt an sich ja schon eine bestimmte Öffentlichkeit. Ich habe zusammen mit meinem Kollegen Klaus Heine einmal ein Paper über „Diskurswettbewerb“ veröffentlicht. Der Diskurs ist ein wesentliches Moment, um Wissen weiterzugeben, zu teilen und kollektiv zu entwickeln. Der Diskurs ist aber immer auch ein Wettbewerb um das bessere Argument. Ich bin der Überzeugung, wir können Diskurse nur dann führen, wenn wir unsere Argumente und Hintergründe freilegen. Jeder hat jederzeit die Möglichkeit, nachzufragen. Und ich selbst bin in der Verpflichtung, Gründe zu liefern, was wiederum automatisch zu einer gewissen Openness führt. Jean-François Lyotard schreibt schon 1979 in seinem kleinen Buch „La condition postmoderne“, dass die Wissenschaft das Paradigma für einen solchen offenen und zugänglichen Diskurs ist, weil wir unsere Münze in der Kommunikation immer offenlegen müssen. Wenn ich sage, dass der wissenschaftliche Diskurs Spaß machen soll, dann meine ich zum einen diesen Wettstreit der Argumente, und zum anderen, dass man sich selbst und andere und damit uns alle zusammen damit weiterbringt. Ich sehe Diskurs und Wissenschaft im Kern als eine kollektive Tätigkeit an.

Wo sehen Sie als Wirtschaftswissenschaftler das Thema Open Science in der Zukunft?

JK: Open Science ist ein politisches Thema und muss daher auf der politischen Ebene gesetzt werden, denn die Politik entscheidet über Forschungsgelder. Es ist eine politische Angelegenheit, sich den gesamten Forschungs- und Lehrprozess anzuschauen und kritisch zu hinterfragen, wer woran in welcher Form und mit welchen wirklich eigenen Wertbeiträgen profitiert. Im Lehrprozess, aber vor allem im Forschungsprozess gibt es diese Wertaktivitäten der Verlage. Diese Struktur ist meines Erachtens kritisch und gleichzeitig leicht zu substituieren.

Wie kann die verlegerische Arbeit alternativ organisiert werden?

JK: Die Alternative zu Verlagen sind meiner Meinung nach die wissenschaftlichen Communities, die ihre eigenen Journals betreiben. Die Communities müssen natürlich demokratisch organisiert sein, beispielsweise über die Mitgliedschaft in Verbänden. Die Academy of Management erscheint mir – was die Journals betrifft – ein ganz gutes Beispiel zu sein.

Was sind Best Practice-Beispiele aus Ihrer Arbeit im Kontext von Open Science?

JK: Ich bin der festen Überzeugung, dass wissenschaftliche Publikationen uneingeschränkt zugänglich sein sollten. Deshalb lege ich viel Wert auf Open Access. Ich sehe ein großes Problem mit den aktuellen Geschäftsmodellen der Wissenschaftsverlage, die Forschungsergebnisse monetarisieren und damit de facto Hürden zum freien Zugang zu Wissen aufbauen. Das sollte meiner Meinung unbedingt und schnellstmöglich beendet werden. Es kann nicht sein, dass Verlage sich eine Wertschöpfung herausgreifen und in einem Bereich damit Geld machen, in welchem sie aber im digitalen Zeitalter keinen wirklich erkennbaren bzw. nicht leicht zu substituierenden Beitrag mehr leisten.

Es freut mich sehr zu hören, dass Sie sensibilisiert für die Monopolostellung der Verlage sind.

JK: Ich bin mehrfacher Buchautor und habe in den letzten 25 Jahren natürlich auch viel mitbekommen, wie das mit Verlagen läuft. Als BWL‘er interessiere ich mich naturgemäß für Wertschöpfungen und deren Restrukturierung. Für mich ist nicht ersichtlich, welchen genuinen Wertschöpfungsbeitrag Verlage im Geschäftsbereich der wissenschaftlichen Journals heute noch leisten, außer dass sie ihre historisch bedingte Position monetarisieren und das Glück haben, dass Wissenschaftler:innen selbst – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht genügend Motivation entwickeln, daran etwas zu verändern.

Wie gehen Sie damit um?

JK: In unserem Bereich gibt es unter anderem drei Top Journals, die von der Academy of Management selber herausgegeben werden. Das ist quasi die Community. Ich würde sagen, dass an solchen Modellen am Ende kein Weg vorbeiführt. Aber was wir noch gemacht haben, weil wir Drittmittel hatten, die wir dafür einsetzen durften: wir haben all unsere Beiträge von Verlagen frei gekauft, auch um diese Absurdität deutlich zu machen. Diese Kröte bin ich dann bereit zu schlucken, denn wir sind in einer Übergangssituation. Wir müssen aber alles dafür tun, dass sich dieses System ändert.

Wie kann sich das System ändern?

JK: Zentrales Ziel muss sein, dass sich die Wissenschaft selbst organisiert. Die Wissenschaft muss durch Mitgliedsbeiträge von offenen Communities ermöglichen, dass administrative Kosten von Zeitschriften getragen werden. Der Kern des Pakets ist ja schon da und etabliert: wir sind Herausgeber:innen, Gutachter:innen, Autor:innen und Leser:innen. Ich bin da guter Hoffnung.

In Ihrem Zukunftsmodell gibt es also unabhängige community owned Infrastrukturen und Journals, die sich neue Reviewer holen müssen?

JK: Ich glaube eher, dass man sich diese Zeitschriften, die in der Hand von Verlagen liegen, auch zurückholen kann. Die jeweiligen Hochschulen müssen zudem deutlich machen, dass sie es nicht länger akzeptieren, dass ihre Wissenschaftler:innen unter den jetzigen Rahmenbedingungen Wertbeiträge für Verlage leisten. Es braucht dringend neue Modelle mit den Verlagen oder aber auch jenseits dieser. Die Verlage können meinetwegen noch als Dienstleister die administrativen Tätigkeiten leisten, haben aber keine sonstigen Aufgaben, und sie müssen Open Access ermöglichen. Das ist die Zukunft und eine politische Forderung, die man einfach durchhalten und politisch umsetzen muss.

Diskutieren Sie dieses Thema mit Ihren Fachkolleg:innen?

JK: Viele sind meiner Meinung, da gibt es wenig Kontroversen. Aber man trifft eben auch Kolleg:innen, die sich darüber keine Gedanken machen. Für uns ist eher die Frage interessant: wo sitzen die Communities und von wem werden diese gesteuert. Die sitzen in Nordamerika und UK; in Europa gibt es vereinzelt noch ein paar Journals. Neulich hat die FAZ geschrieben, dass die BWL auf Deutsch nichts mehr zu sagen hat (siehe Artikel) und in der Tat: Wir haben alle deutschsprachigen Journals eingestellt. Es ist absurd und inakzeptabel, dass der Staat und die Steuerzahler:innen zwei Mal für dieselbe Leistung bezahlen sollen. Genauso absurd ist für mich, dass es noch kein deutschlandweites einheitliches Bibliotheksystem gibt, was für alle Student:innen und Forscher:innen öffentlich zugänglich ist und mit hoher digitaler Usability glänzt.

Wo veröffentlichen Sie Ihre freigekauften Artikel?

JK: In der Regel veröffentliche ich nur die Links, damit die Leute auf die Verlagsseite klicken, weil da eben der zentrale Zähler installiert ist. Auch unsere Lehrbücher haben wir öffentlich zugänglich gemacht, was gerade in diesen Corona-Zeiten wichtig ist. Mein letztes Management-Lehrbuch mit Georg Schreyögg ist innerhalb eines Jahres 164.000 Mal heruntergeladen worden.

Das heißt, Sie haben die klassischen Zitations-und Sichtbarkeitseffekte für sich erkannt?Wo veröffentlichen Sie Ihre freigekauften Artikel?

JK: Ja, auch deswegen zahlen wir für unsere Arbeit sozusagen noch einmal, weil es eben auch Verbreitungseffekte mit sich bringt. Aber auch, weil wir noch mehr für Openness mobilisieren möchten.

Sie haben auch am Online-Kurs „Organizing in Times of Crisis: The Case of Covid19“ mitgewirkt.

JK: Ja, Lehre ist auch ein interessanter Punkt. Auch hier bin ich dafür, dass das Endprodukt möglichst frei zugänglich sein sollte. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass Universitäten in Konkurrenz zueinander stehen. Ich finde es absurd, die Idee der Universität in einen auf Wettbewerb angelegten strategischen Akteur zu verwandeln. Das ist sehr amerikanisch. Die Idee mit den Eliteuniversitäten finde ich Nonsense. Auch hier haben die Steuerzahler:innen ein Recht zu wissen, was ich hier in der Lehre eigentlich mache. Schon vor der Corona-Krise habe ich einen Youtube-Kanal eröffnet und werde daran auch weiterarbeiten, mit der Unterstützung meiner Universität. Das mache ich, um zum einen Werbung für die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder zu machen, aber vor allem, um Wissen weiter zu geben. Ich finde, wenn man der Überzeugung ist, dass man einen Sachverhalt soweit erfasst und kommunizierbar gemacht hat, dann sollte man dieses Wissen auch weitergeben. Ich bin zudem der Überzeugung, dass man die Lehre an Universitäten revolutionieren könnte, wenn man Veranstaltungen grundsätzlich auch hochschulübergreifend mit Kolleg:innen durchführen könnte. Damit würden man noch unmittelbarer den wissenschaftlichen Diskurs in die Lehre hineintragen können, denn dieser lebt von der Pluralität der Perspektiven und jede und jeder ist doch nochmal ein:e andere:r Expert:in in ihrem bzw. seinem Bereich. Das wäre grandios.

Was denken Sie zum Thema Open Educational Resources?

JK: Wenn ich die Studierenden ernst nehme, muss ich in Interaktionszeit investieren. Ich denke, spätestens in zehn Jahren wird es keine traditionellen Vorlesungen mehr geben. Wir haben gerade in der BWL so viele Knowledge Standards, die ich alle problemlos aufzeichnen kann. Interaktiver Unterricht ist ohnehin viel spannender, weil er offen ist für Neues und ich nicht schon um 13.00 Uhr weiß, was um 13.30 in diesem Raum gesagt wird. Deshalb sollten Knowledge Standards intelligent und flexibel verknüpfbar in anderen Medien abrufbar gespeichert werden. Ein ordentlich produziertes Video mit Animierungen usw., das sich meine Studierenden dann selbständig anschauen, und das ich auch die nächsten fünf Jahre nutzen kann. Die frei gewordene Zeit kann ich nutzen, um in den Diskurs zu gehen, Cases oder Paper zu besprechen usw.

Welche positiven Effekte Ihres Youtube-Channels haben Sie erlebt?

JK: Für den Kurs „Organizing in Times of Crisis“ – der ja weit mehr ist als ein YouTube-Channel – haben wir einen Preis bekommen, viel positives Feedback, die Studierenden finden das toll und fühlen sich aktuell informiert und auch in der Pandemie wissenschaftlich mitgenommen. Was mich aber am meisten überrascht hat, ist die gute Skalierbarkeit. Die Klickzahlen sind hier jenseits meines Einflussbereiches. Die Reihe führt sozusagen ein Eigenleben im Netz. Dies ist auch für andere Lehrvideos von mir zu beobachten. Ich habe vor einiger Zeit ein Video veröffentlicht zum Erwartungs-Valenz-Modell. Das hat inzwischen über 6.000 Views und viele davon schauen sich das Video von Anfang bis Ende an. Das ist also weit über dem, was ich mit Präsenzlehre erreiche, und ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet mit diesem Modell so viel Resonanz erzeuge. Was mich dazu motiviert: Es gibt Wissensstandards in der BWL, im Entrepreneurship, Management- und Organisationsbereich, die ändern sich nicht so leicht und die verstopfen den Interaktionskanal mit meinen Studierenden, wenn ich das immer alles erkläre. Warum erkläre ich das also nicht einmal richtig und in einem anderen Medium, so dass ich die Leute dort abholen kann und wir zusammen weiter daran arbeiten und die Studierenden das Geschaute anwenden können. Es ist also ein flipped classroom. Mich fasziniert am Medium Video vor allem die Animationsmöglichkeiten von Modellen und das erleichtert dann auch das Erklären von mitunter sehr komplexen Zusammenhängen.

Was denken Sie zu Open Peer-Review?

JK: Ich halte Open Peer Review grundsätzlich für eine gute Entwicklung, denn nichts ist heute wirklich mehr Double Blind. Ich fände es konsequent, auch dem zu Beurteilenden gegenüber offen zu legen, wer die Reviewer sind. Wenn ich die Gelegenheit dazu habe, mache ich das gern. Wenn man etwas kritisiert, muss man mit offenem Visier reingehen und gute Gründe angeben. Open Peer Review bedeutet in meinen Augen einen erheblichen Vorteil, eben auch, weil es qualifiziertes Feedback hervorbringt. Das wäre in meinen Augen eine Revolution des Systems in diesem ganzen Prozess. Die Leute würden freundlicher schreiben müssen, was aktuell nicht immer der Fall ist. Zudem sieht man ganz leicht die Verbindungen. Es ist viel transparenter, wenn man weiß, wer hat wen wie beurteilt.

Zum Thema Wissenschaftskommunikation: was machen Sie, warum und welche Effekte hat das?

JK: Ich betrachte Wissenschaftskommunikation auch als eine persönliche Herausforderung an der ich arbeiten muss und möchte. Allgemein betrachtet würde ich zudem sagen, dass nicht erst mit der Pandemie, aber durch diese noch einmal stark hervorgehoben, Wissenschaftskommunikation auch als eines der zentralen Forschungsthemen in den nächsten Jahren gelten dürfte. Ich sehe die Wissenschaft als Vorbild für viele andere gesellschaftliche Bereiche, was Transparenz, offene Argumentation, Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz betrifft. Wissenschaftskommunikation heißt eben nicht nur die Kommunikation von verwertbarem Wissen, anwendungsfreundlich und mundgerecht, worauf die Politik oft so gerne abstellt, sondern ganz wesentlich auch die Kommunikation von Komplexität. Ich experimentiere gerade auf dem Gebiet Wissenstransfer und versuche im nächsten Schritt etwas zu produzieren, was auch Abiturient:innen Entrepreneurship näherbringen soll. Ich versuche tiefer einzusteigen, als bisher. Noch bin ich dabei herauszufinden, wie die Sprache sein muss, die Modelle etc. Wir müssen unser eigenes Wissen auf ein allgemein kommunizierbares Niveau bringen. Wir haben so wenige Gründer:innen in Deutschland. Das Thema muss dringend breiter gemacht werden. Und ein gesunder Entrepreneurial Spirit verdient zudem den Weg in viele Organisationen hinein, dort wird er auch dringend benötigt. Und Wissenschaftskommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Prof. Dr. Jochen Koch

Jochen Koch ist Betriebswirt und Inhaber des Lehrstuhls für BWL, insbesondere Unternehmensführung und Organisation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und leitet dort das Centre for Entrepreneurship Research CfER. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit organisationalen Zukunftspraktiken, strategischer Kommunikation und organisationale Kreativität, sowie mit Fragen organisationaler und strategischer Pfadabhängigkeit. Jochen Koch war zuvor als wissenschaftlicher Assistent und Habilitand an der Freien Universität Berlin tätig und wurde zum Thema postmoderne Organisationsforschung 2002 an der FU Berlin promoviert.

Kontakt: https://www.wiwi.europa-uni.de/en/lehrstuhl/mm/ufo/team/koch/index.html

YouTube: https://www.youtube.com/channel/UCwdUGoe1TiDURShxm92qIkQ/videos

Google Scholar: https://scholar.google.de/citations?hl=de&user=CZn5EdgAAAAJ

ResearchGate: https://www.researchgate.net/profile/Jochen-Koch




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