Gehört werden über Forschungsgrenzen hinaus

Dr. Judith Kohlenberger über ihre Open-Science-Erfahrungen

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Open Data ermöglicht Zitationsvorteile aufgrund vermehrter Kooperationsanfragen.
  • Open Data spart langfristig Zeit.
  • Wissenschaftskommunikation bringt Inspiration für die eigene Forschung.


Welche positiven Erfahrungen haben Sie im Kontext von Open Science gemacht?

JK: Ich veröffentliche meine Forschungsdaten im Austria Social Science Data Archive, so dass andere Wissenschaftler*innen sie nachnutzen und vor allem zitieren können. Dies erhöht meine Sichtbarkeit und ich bekomme vermehrt Kooperationsanfragen für neue Projekte, für gemeinsame Calls oder Publikationen. Zudem spare ich jede Menge Zeit. Allen Interessent*innen, die die Studie gelesen haben und nun selbst mit den Daten arbeiten wollen, kann ich den Link zu AUSSDA schicken. Ein Link statt stundenlanger Telefonate, in denen ich Methodologie, Datensatz, Lizenzen oder Zugriffsmöglichkeiten ausführlich erklären muss. Darüber hinaus ist mir die Transparenz der Forschungsdaten wichtig.


Warum spielt Transparenz für Sie eine so große Rolle?

JK: Transparenz ist wichtig, um das Feld „Fluchtforschung“ voranzutreiben und zu etablieren. Wir wollen zeigen, welchen Impact die Forschungsergebnisse haben, auch wenn wir beispielsweise die Grundgesamtheit unserer Zielgruppe, d.h. die Zahl aller in Österreich lebenden Geflüchteten nicht genau kennen und repräsentative Studien schwer möglich sind. Wir haben den Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung und die psychosoziale Gesundheit von 515 in Österreich lebenden syrischen, irakischen und afghanischen Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten untersucht. Das Thema ist nicht nur für Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen, sondern auch für die Politik interessant. Daher muss ganz klar sein, was der Datensatz kann und was er eben auch nicht kann.


Sie sind ja auch sehr aktiv in der Wissenschaftskommunikation. Sie sind beispielsweise in den Twitter-Ökonomen-Rankings immer unter den Top 30, verfassen regelmäßig Gastbeiträge für Tageszeitungen, geben TV-Interviews oder halten Vorträge oder diskutieren in Podiumsrunden. Welche Vorteile hat es Ihnen gebracht, sich so stark in der Wissenschaftskommunikation zu engagieren?

JK: Zunächst einmal bin ich mit Herz und Seele Flucht- und Migrationsforscherin. Und das Thema Flucht und Migration wird in der Öffentlichkeit breit diskutiert – teils sehr emotional und ohne fachliche Expertise. Teils werden auch einfach Unwahrheiten verbreitet.

Hier kann ich nicht einfach tatenlos zuschauen, sondern möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass der Diskurs versachlicht wird. Mir geht es darum, Mythen und Vorurteilen etwas entgegenzusetzen und ein differenzierteres Bild zu schaffen. Solche Mythen sind leider im Feld der Fluchtmigration sehr häufig, weil es oft um Neuankommende geht, also um Menschen, über die wir nicht viel wissen. Je unbekannter etwas ist, desto mythenumwobener ist es, und umso wichtiger ist es, Fakten zu schaffen. Ich sage bewusst „zu schaffen“, weil auch Fakten gemacht werden.

Zum anderen beobachte ich, dass das Forschungsfeld bei vielen Entscheider*innen noch nicht im Fokus steht. Mir geht es also auch darum, das Feld der Fluchtforschung zu etablieren und in das Mindset von Politik und Gesellschaft zu tragen. Ich möchte, dass unsere Forschung einen Impact hat, der über die bloße Forschungscommunity hinausgeht. Mein Antrieb ist, dass meine Forschungsergebnisse in Politikgestaltung münden. Denn dann erlebe ich Sinnhaftigkeit meiner wissenschaftlichen Arbeit.


Beobachten Sie auch positive Effekte von Wissenschaftskommunikation auf Ihre persönliche Karriere?

JK: Ja, selbstverständlich. Zuerst einmal habe ich mir über die Jahre Kommunikationskompetenzen angeeignet, die ich auch in anderen Kontexten sehr gut nutzen kann. Was mir aber sehr wichtig ist: Durch die Kommunikation meiner Forschungsergebnisse werden natürlich auch Wissenschaftler*innen außerhalb der Sozialforschung auf mich aufmerksam und ich bekomme zahlreiche Kooperationsanfragen. In Veranstaltungen, wo ich vortrage oder diskutiere, bekomme ich sehr viel Input, die mich für weitere Forschungsfragen inspirieren. Auch der Austausch mit Politik und Praxis im Bereich Flucht und Migration mündet oft in Kooperationsanfragen, die mich für meine Forschung total bereichern.

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.


Judith Kohlenberger bei der Pressekonferenz von „Courage – Mut zur Menschlichkeit“ am 11. September 2020; Fotocredit: Courage/APA-Fotoservice/Juhasz


Über Dr. Judith Kohlenberger

Dr. Judith Kohlenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie forscht zu Humankapital, Bildung und Gesundheit(szugang) von Geflüchteten. Unter anderem forscht Judith Kohlenberger im Rahmen einer der europaweit ersten Studien zum Fluchtherbst 2015, welche 2019 mit dem Kurt-Rothschild-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet wurde. Sie lehrt an der WU Wien und der FH Wien, ist Mitglied im FALTER Think Tank und im Expert*innenrat Migration.Integration.Teilhabe. Zudem ist Judith Kohlenberger in mehreren Vorständen und Beiräten, u.a. für migrant und frida Asyl- und Fremdenrechtsberatung. Auf Twitter versucht sie durch Hintergrundanalysen und Einblicke in die empirische Migrationsforschung zu einem evidenzbasierten gesellschaftlichen Diskurs beizutragen.

Kontakt: https://www.wu.ac.at/sozialpolitik/team/sozialpolitik/judith-kohlenberger/

Twitter: @J_Kohlenberger




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