Was die Open-Science-Bewegung aus der Corona-Krise lernen kann

Interview mit Prof. Dr. Isabella Peters

Isabella Peters ist Professorin für Web Science an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und am Institut für Informatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung u.a. damit, wie Forschende Social Media nutzen, um wissenschaftliche Ergebnisse zu verbreiten. Außerdem setzt sie sich dafür ein, Open-Science-Praktiken in das wissenschaftliche Anerkennungssystem einzubinden – sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene.

Viele Wissenschaftler*innen, die Ihren Beitrag leisten wollen, um die aktuelle COVID-19-Krise zu meistern, luden & laden ihre Paper auf Preprintservern hoch. Ohne Peer Review. Damit es schnell geht. Passt das klassische Peer Review nicht zu einer Krisensituation?

IP: Das Peer-Review-Verfahren, so wie es jetzt läuft, ist sehr langsam. Bis Gutachter*innen gefunden wurden, bis sie das Paper tatsächlich geprüft haben und der Autor bzw. die Autorin dann entsprechende Neuversionen eingereicht hat, vergehen gern einmal zwei Jahre. Das hat auch damit zu tun, dass nur einige wenige Expert*innen beteiligt sind, die alle ihre eigenen vollen Terminkalender haben. In einer Krise kann aber niemand zwei Jahre warten bis das Paper endlich gelesen werden kann. Hier müssen andere Wege gefunden werden. Und ein Weg ist das Post-Publication-Peer-Review. Ergebnisse werden dabei zuerst publiziert und später begutachtet. Hier kann also auch frühzeitig ein Austausch mit vielen Peers stattfinden. Diese Gutachter*innen und Rezipient*innen müssen sich natürlich im Klaren darüber sein, dass ungeprüfte Ergebnisse vor ihnen liegen.

Muss die Definition, wer eigentlich „Peer“ in einem Peer Review sein darf, einmal diskutiert werden?

IP: Normalerweise sorgt das Journal dafür, dass Expert*innen begutachten. Bei Preprints kann theoretisch jede*r kritisieren. Wenn Nicht-Fachexpert*innen Feedback geben, kann dies durchaus bereichern und für neue Sichtweisen sensibilisieren. Es kann natürlich auch den Prozess verlangsamen, da meist auch der ganze Kontext mitgeliefert werden muss. Hier wäre es hilfreich zu wissen, wer eigentlich reviewt. Ich muss nicht den Namen wissen, aber vielleicht Hintergrund, Profession, Disziplin und Abschluss, um die Hinweise einordnen zu können. Dies wäre im Übrigen auch im normalen Peer Review sinnvoll.

Was könnte man in Zukunft tun, um Forschungsergebnisse schnell zu veröffentlichen und sie dennoch auf ihre Qualität hin zu prüfen? Wie könnte beispielsweise ein guter Qualitätssicherungsmechanismus aussehen?

IP: Forschung braucht Zeit. Ich denke, wir müssen uns von der Annahme verabschieden, dass ein Paper fertig ist und „nur noch“ geprüft werden muss. Während der ganzen Forschungsarbeit stehen die Wissenschaftler*innen im Dialog mit anderen. Und auch die Kommentare, Rückfragen und Ergänzungen der Reviewer sind ein weiteres Redigat, das zum Prozess einfach dazugehört. Ich denke aber, dass ein Ad-hoc-Beirat eine Lösung sein könnte, d.h. eine flexibel zusammengesetzte Gruppe von Expert*innen, die sich die Zeit für die Begutachtung schnellstmöglich freischaufeln kann.

Soll das Peer-Review durch einen Ad-hoc-Beirat hier öffentlich sein?

IP: Ich bin ein großer Fan von öffentlichen Reviews. Das macht den Kommunikationsprozess in der Wissenschaft transparent. Man kann so erkennen, bei welchen Themen und Fragen sich Forschende reiben und wie argumentiert wird. Ein öffentliches Gutachten kann auch dazu beitragen, dass fachliche Konkurrenz, persönliche Aversionen oder auch Loyalitäten das Ergebnis der Beurteilung nicht beeinflussen. Zudem sehe ich, mit welchem fachlichen Hintergrund das Gutachten erstellt wurde und kann die Kritik besser einsortieren. Außerdem bekommen die Reviewer bei einem Open Peer Review sichtbare Anerkennung für ihr Redigat, in welches sie schließlich viel Arbeit investiert haben.

Open Science heißt ja auch Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Aber wer muss hier wessen Regeln lernen?

IP: Es muss eine Art interkulturelle Kompetenz aufgebaut werden. Wissenschaftler*innen müssen lernen, dass alle, die nicht zu ihrem Thema forschen – und das ist die Mehrheit – , wissen wollen, was die Ergebnisse im größeren Kontext bedeuten. Was heißt denn das Forschungsergebnis X für mein persönliches Leben? Soll ich nun etwas tun oder nicht mehr tun? Das sind die Fragen aus der Gesellschaft. Und alle Menschen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten, müssen lernen, dass Wissenschaft nie fertige Wahrheiten liefert, sondern immer nur eine Wahrscheinlichkeit von Wahrheit, die aber schon in zwei Wochen wieder ganz anders aussehen kann. Wissenschaft sucht nach Antworten, sie befindet sich im ständigen Fluss. Sie ist keine Antwortmaschine. Am Ende hilft es, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und neugierig zu sein, auf das Expertentum meiner Gesprächspartner*innen.

Reicht es, nur immer noch mehr Information in die Gesellschaft zu „kippen“? Oder müssen auch emotionale Effekte von Wissenschaftskommunikation bedacht werden?

IP: Auf jeden Fall. Wenn ich mir darüber bewusst bin, dass die Gesellschaft Antworten sucht – gerade in Krisen – dann muss ich das in der Wissenschaftskommunikation berücksichtigen und deutlich sagen, was ich herausgefunden habe und was nicht und was es konkret bedeutet und was eben auch nicht. Ich muss versuchen, die emotionalen Effekte meiner Aussagen zu antizipieren. In der Regel stehen den Forschenden ja Vermittler*innen zur Seite – Pressesprecher*innen, Kommunikationsfachleute. Wenn ich mir hier einen solchen Kommunikationscoach an die Seite hole, der mir das „Außen“ spiegelt, kann ich super lernen. Das ist generell eine Lektion: Wissenschaftler*innen müssen nicht immer alles allein können müssen: das beginnt beim Interview und endet bei der Organisation einer internationalen Fachtagung. Holt Euch die jeweiligen Profis ins Boot.

Darf Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten anders funktionieren als sonst? Was ist für Dich eine Lektion aus der Corona-Pandemie für die Wissenschaftskommunikation?

IP: Wissenschaftskommunikation muss in Krisenzeiten viel bedachter sein und frei von jeglicher Inszenierung, wie wir es im Kontext der Heinsberg-Studie gesehen haben. Wissenschaftskommunikation muss Unsicherheiten kommunizieren. Zudem wird es immer wichtiger, die Erkenntnisse in einen größeren wissenschaftlichen Kontext einzuordnen. Und es muss allen klar sein, dass sowohl Forschung als auch gute Kommunikation Zeit kosten. Man kann weder den Erkenntnisprozess noch den Austausch über die Ergebnisse unendlich beschleunigen. Wissensproduktion ist ein gemeinschaftlicher Prozess, der viel Austausch mit verschiedenen Gesprächspartnern erfordert (z.B. über Fachartikel oder öffentliche Vorträge). Das einsame Genie in der Wissenschaft ist eine Utopie. Es gibt immer ganz viele Kooperationen. Daher denke ich, dass wissenschaftliches Wissen als Allgemeingut betrachtet werden muss. Man sollte damit kein Geschäft machen wollen. Als die wissenschaftlichen Verlage die Corona-Papers hinter der Paywall freigelassen haben, haben sie damit für mich implizit bestätigt, dass allein Open Access zu einem zielführenden wissenschaftlichen Austausch beiträgt und freier Zugang zu Wissen unabdingbar für Fortschritt ist.

Wenn unsere Leser*innen jetzt für sich das Thema Open Science und/oder Peer Review entdeckt haben, was wären Deine drei Tipps für die tägliche Praxis?

IP: Tipp 1 wäre: Verlasst Euch nicht auf kommerzielle Services wie Facebook oder ResearchGate allein, wenn es darum geht, sichtbar im Web zu sein. Eine eigene Webseite ist das wichtigste – ich kann sie selbst gestalten, alle können darauf zugreifen und brauchen keinen Account. Das ist echte Offenheit!

Tipp 2: Seid aktiv auf Social Media und fangt klein an. Folgt zum Beispiel einem Kollegen oder einer Kollegin auf Twitter. Kommentiert kurz Artikel, die Ihr gerade gelesen habt, sozusagen als Lesetipp für die anderen. Twittert z.B. von Konferenzen und teilt auch von dort die eigenen Folien. So könnt Ihr einen Mehrwert bieten und Euch selbst ein Bild davon machen, was es einem bringt, z.B. auf Social Media aktiv zu sein.

Tipp 3: Wenn Ihr den Autor*innen, die Ihr gereviewt habt, ermöglichen wollt, die geschriebenen Reviews zu veröffentlichen und damit den Begutachtungsprozess transparent zu machen, dann vermerkt dies doch in Eurem Review und stellt das Gutachten z.B. unter eine CC-BY Lizenz (Achtung: dann ist das Review aber nicht mehr anonym. Andere CC-Lizenzen sind geeigneter, wenn man anonym bleiben möchte). So regt man auch andere dazu an, über die eigenen Praktiken nachzudenken und sie vielleicht in Richtung Open Science zu verändern.

Vielen Dank!



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