Open Science ist die Zukunft

Prof. Dr. Gunter Friedl über seine Open-Data-Erfahrungen

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Eine altruistische Einstellung führt zu großem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen.
  • Open Data bringt mehr Sichtbarkeit im Feld.
  • Open Data eröffnet die Möglichkeit für interdisziplinären Austausch.


Sie haben im Sommer 2020 Ihre Datenbank zur Vorstandsvergütung der Konzerne in DAX und MDax öffentlich gemacht und damit für einiges Aufsehen gesorgt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

GF: Das Verständnis der Vergütung von Vorständen und ihrer Auswirkungen hilft bei der Gestaltung besserer Organisationen. Forschung auf diesem Gebiet ist daher von größter Bedeutung. Jedoch hat sich die Forschung zur Vergütung von Vorständen stark auf US-Unternehmen konzentriert. Und das hat natürlich damit zu tun, dass es für große US-Unternehmen eine umfangreiche Datenbank gibt: ExecuComp. Diese bietet historische Daten zur Vergütungsstruktur (Gehalt, Boni, Optionsprogramme, etc.) von Manager*innen.

Aufgrund von Unterschieden in der Unternehmensführung und –kultur können wir aber in der Forschung nicht davon ausgehen, dass Forschungsergebnisse, die auf US-Daten basieren, auch für andere Länder gelten. Deshalb haben wir seit 2006 eine Datenbank für Deutschland aufgebaut, die ähnlich wie ExecuComp aufgebaut ist. Deutschland ist immerhin die größte Volkswirtschaft in Europa. Wir hoffen, dass unsere Datenbank die internationale Forschung zur Vergütung von Vorständen erleichtert und dazu beiträgt, bessere Vergütungssysteme zu entwerfen.


Warum ausgerechnet jetzt 2020?

GF: Die ganze Arbeit, die in dieser Datenbank steckt, wurde aus Steuergeldern bezahlt. Deshalb teilen wir diesen Forschungsoutput und behalten ihn nicht bei uns in der Schreibtischschublade. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine altruistische Einstellung in der Wissenschaft zu großem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen führt. Open Science als Paradigma ist aber noch nicht zu 100 Prozent im Wissenschaftsbetrieb angekommen. Ich musste meine Mitstreiter eine Weile davon überzeugen, dass Open Data die Zukunft ist und bin nun sehr froh, dass alle den Weg der Offenheit mit mir mitgegangen sind.


Welche positiven Effekte hatte die Veröffentlichung Ihrer Vorstandsgehälter-Datenbank für Sie?

GF: Die Veröffentlichung ist nun sieben Monate her. Also noch nicht sehr lange. Sie hat uns aber jetzt schon eine große Sichtbarkeit im Feld gebracht und uns ins Zentrum von Zitationen gerückt. Sehr spannend finde ich auch die Fragen der Sekundärdatennutzer*innen. Beispielsweise will sich ein Bachelor-Student ansehen, ob es einen strukturellen Zusammenhang gibt zwischen der Vergütung des CFO und der Nachhaltigkeit des Unternehmens. Sowas finde ich hochgradig inspirierend. Neben diesen binnenwissenschaftlichen Effekten gab es nach der Veröffentlichung zudem erhebliche Medienresonanz. So werden auch Wissenschaftler*innen außerhalb der BWL auf die Datenbank aufmerksam.


Wie schätzen Sie die zukünftige Bedeutung von Open Science auf Basis Ihrer Erfahrungen ein?

GF: Open Science ist die Zukunft. Der Durchdringungsgrad ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen – aus dem Druck der Community heraus. Ich beobachte, dass in der Wirtschaftsforschung das Unbehagen wächst, von einer kleinen Zahl an Gatekeepern abhängig zu sein. Ich rede hier vor allem von US-amerikanischen Plattformen. Und dieses Unbehagen ist unabhängig von Karrierestufen. Viele meiner Kolleg*innen haben erkannt, dass Open Science einen enormen Wert hat.


Über Prof. Dr. Gunther Friedl

Gunther Friedl ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Inhaber des Lehrstuhls für Controlling sowie Dekan an der TUM School of Management der Technischen Universität München. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Corporate Governance und Vorstandsvergütung, Performancemessung und Unternehmens- sowie Patentbewertung. Für seine Arbeiten wurden ihm zahlreiche Preise verliehen, darunter der Best Textbook Award des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre und eine Reihe von Best Teaching Awards. Seine Studien zur Vorstandsvergütung werden regelmäßig in Handelsblatt, Financial Times, Frankfurter Allgemeine Zeitung, The Huffington Post, ARD und ZDF porträtiert.

Kontakt: https://www.professoren.tum.de/friedl-gunther

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0001-7679-0801

Twitter: https://twitter.com/gunther_friedl



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