Open Science kann die Qualität von Forschung erhöhen

Prof. Dr. Gerald Schneider über seine Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Professor Dr. Gerald Schneider

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Mit einem replizierbaren und robusten Forschungsergebnis kann ein fundierter Diskurs mit der Politik stattfinden und langfristig die Politik verbessert werden.
  • Open Science kann die Qualität von Forschung erhöhen und Politikberater:innen weniger angreifbar machen.
  • Open Science macht das Leben in der Wissenschaft interessanter, weil es spannende und tiefgehende Diskussionen mit anderen (fachfremden) Forschenden ermöglicht.


Sie sind ein großer Verfechter evidenzbasierter Politik. Wie sind Ihre Erfahrungen zum Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik?

GS: Es gibt natürlich in bestimmten Ministerien genug gut ausgebildete Mitarbeiter:innen, die die Robustheit von Forschung überprüfen können und die auch die Reputation einzelner Institute und einzelner Forscher:innen kennen. Aber generell ist die Interaktion zwischen Politik und Wissenschaft schwierig. Es fällt Politiker:innen teilweise schwer, gegen ihr eigenes Vorurteil oder auch gegen ihr eigenes Klientel anzugehen. Wenn ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin ein Forschungsergebnis vorlegt, das nicht in die politische Argumentation passt, wird es durchaus schon einmal abgelehnt. Generell gibt es Ministerien oder Politikbereiche, die wissenschaftsaffiner sind, dazu gehört sicher die Entwicklungs- oder die Wirtschaftspolitik. Aber mit einem replizierbaren und robusten Forschungsergebnis zwingt man auch die weniger wissenschaftsaffine Politik in einen Diskurs; und die entsprechenden Stellen können sich nicht mehr in gleichem Ausmaß verbergen. Letztlich kann über solche Diskurse langfristig die Politik verbessert werden.

Welche Open-Science-Vorteile erleben Sie persönlich?

GS: Mir bringt Open Science sicher indirekt Reputationsgewinn, denn ich werde häufiger zitiert. Open Science macht mich als Wissenschaftler in gewisser Weise auch besser und weniger angreifbar. Es macht zudem mein Leben interessanter, weil ich bessere Diskussionen mit Kolleg:innen als auch mit fachfremden Wissenschaftler:innen führen kann.

Erleben Sie den Zitiervorteil nur bei Publikationen oder auch bei Forschungsdatenveröffentlichungen?

GS: Forschungsdatenartikel, wenn sie gut gemacht sind, werden sehr gut zitiert. Teilweise sogar im übergroßen Ausmaß. Es ist natürlich nicht die gleiche intellektuelle Leistung wie eine eigene Idee zu entwickeln. Aber es bringt Sichtbarkeit.

Welcher Weg, Daten zu speichern, zu teilen und zu replizieren, ist aus Ihrer Sicht gut für die wissenschaftliche Praxis geeignet?

GS: Die Dataverse-Option ist sicherlich der Weg, den man beschreiten sollte. Das Dataverse-Projekt erleichtert die Bereitstellung von Daten für andere und ermöglicht es, die Arbeit anderer leichter zu replizieren. Sowohl Forscher:innen, Journals, Datenautor:innen als auch Verlage oder angeschlossene Institutionen erhalten akademische Anerkennung und Sichtbarkeit im Web. Das Problem mit Dataverse besteht jedoch darin, dass einige Institutionen eine Monopolstellung haben können.

Wann wurden Sie für das Thema Open Science erstmals sensibilisiert?

GS: In den späten 1990er Jahren trat der Verlag SAGE mit dem Wunsch an mich heran, für die Zeitschrift European Union Politics die Herausgeberschaft zu übernehmen. Ich war damals wie heute in engem Kontakt mit dem Herausgeber vom Journal of Peace Research, dem mittlerweile emeritierten Kollegen Nils Petter Gleditsch. Das JPR hat relativ früh eine Replikationspolitik eingeführt. Die bestand damals darin, dass Autor:innen ihre verwendeten Daten beim Journal einreichen und veröffentlichen mussten. Das erschien mir innovativ, so dass wir das für die Zeitschrift European Union Politics übernommen haben. Die klaren Kriterien, hinter denen sich niemand verstecken kann, haben der Zeitschrift gutgetan. Mittlerweile sind die Replikationsstandards natürlich weiterentwickelt worden. Alle ausgewiesenen Resultate werden von uns vor der Publikationsannahme nachgerechnet.

Wie haben Sie als Herausgeber der Zeitschrift European Union Politics im Laufe der letzten Jahre diese Open Science Policy entwickelt?

GS: Die Entwicklung war teilweise kontrovers. Denn die American Political Science Association wünschte, nicht so weit zu gehen und nicht so schnell zu transformieren. Treiber waren hier qualitativ arbeitende Forscher:innen, die argumentierten, dass hermeneutische Forschungsschritte teilweise nicht mehr vollständig nachvollzogen werden können. Das stimmt natürlich teilweise, aber in einem gewissen Umfang war das eine rein konservative Abwehr. Es gab damals in den USA eine Initiative von qualitativen Forscher:innen, die praktisch die Standards, die wir in der quantitativen Politikwissenschaft hatten und die von Nils Petter Gleditsch, mir und anderen Kollegen getrieben wurden, übernehmen und teilweise ausbauen wollten. Aber da gab es dann einfach eine Gegenreaktion aus den USA. Ich war damals Präsident der European Political Science Association und habe geschrieben, dass eine amerikanische Fachvereinigung natürlich nicht verfügen kann, wie die Politik der einzelnen Journale, Fachvereinigungen irgendwo in Litauen, Deutschland oder sonst wo gestaltet sein kann. Mittlerweile hat sich dieser Imperialismus gelegt. Diese Standards sind weitgehend akzeptiert. Es gibt zwar noch eine lautstarke Minderheit, die sich dagegen wendet. Aber die wichtigsten Zeitschriften haben eine solche Politik und verwenden Transparenz als Wettbewerbsargument.

Wie hat sich diese Open-Science-Policy auf Ihr Journal ausgewirkt?

GS: Es gab definitiv mehr Einreichungen, und dies beeinflusst natürlich die Qualität des Journals. Mittlerweile sind auch mehrere Studien veröffentlicht, die zeigen, dass Artikel, die Replikationsdaten und Replikationsalgorithmen zur Verfügung stellen, häufiger zitiert werden. Nachzulesen ist unsere Policy in den Notes for Contributors. Mittlerweile haben alle wichtigen Zeitschriften eine Open-Science-Policy. Teilweise sind bestimmte Journale noch weitergegangen. Das teile ich dann nicht. Beispielsweise wollte das American Journal of Political Science, dass Sekundärdatennutzer:innen ihre Analyse genau protokollieren und ihren entsprechenden Algorithmus zur Verfügung stellen. Für mich reicht eine genaue Quellenangabe in dem Sinne aus. Auch die überbordenden Robustheitschecks, die Journale aufgrund von besonders kritischen Gutachten einfordern, rauben zu viel Forschungszeit. Es wäre produktiver, Auseinandersetzungen über Forschungsergebnisse in Reaktionen auf ein wichtiges Resultat als in endlosen Anhängen zu führen, die niemand liest.

Sind Sie im Laufe der Jahre als Herausgeber strenger geworden?

GS: Die Daten müssen hochgeladen werden, es sei denn, es gibt rechtliche Gründe, die dem entgegenstehen. Davon weiche ich nicht ab, aber generell sollen und müssen wir natürlich aufgrund des Druckes aus der Öffentlichkeit hier strenge Maßstäbe walten lassen.

Ist gesellschaftlicher Impact ein Anreiz für Forschende?

GS: Ja, aber die Leute ticken hier natürlich ganz unterschiedlich. Ich habe oft in Bewerbungssituationen mit Ökonom:innen erlebt, dass nur geschaut wird, wo die Person publiziert hat. War sie in den Top Journalen oder nicht. Auf der anderen Seite haben Sie aber auch Leute, die gestalten wollen, die politisch Einfluss nehmen wollen. Meiner Meinung nach gehört beides dazu. Ich möchte als Wissenschaftler ernst genommen werden. Aber gleichzeitig will ich auch, dass bestimmte meiner Resultate eine politische oder gesellschaftliche Debatte erhellen und dann unter Umständen zu Reformen beitragen können. Dass in Bewerbungsprozessen immer nur auf den Impact Factor geschaut wird, hat natürlich mit den konservativen Anreizstrukturen in unserem Geschäft zu tun. Wenn Datensätze erarbeitet und zur Verfügung gestellt werden, sollte das gleichermaßen entschädigt werden, vielleicht nicht ganz wie ein Artikel, der in einem Top-Journal veröffentlicht wird, aber trotzdem auch als intellektueller Beitrag und Serviceleistung für die ganze Disziplin.

Wo sehen Sie die Verantwortung von Ökonom:innen in Richtung Wirtschaftsforschung und in Richtung Gesellschaft?

GS: Wir brauchen die gläsernen Forscher:innen, die im Einzelnen nachweisen, wie sie zu einem bestimmten Forschungsresultat und zu einer spezifischen Aussage kommen. Damit man nachvollziehen kann, welche Interpretationen mit den Aussagen übereinstimmen und wo die Verfasser:innen unter Umständen ins Spekulieren kommen oder von Vorurteilen geprägt sind. Das gilt nicht nur für Forscher:innen aus Hochschulen und Forschungsinstituten, sondern auch für die angewandte Forschung, wie sie entsprechend aus Ministerien kommt.

Wie schätzen Sie die zukünftige Bedeutung von Open Science ein?

GS: Das wird Normal Science werden. Dies wird auch mit Recht eingefordert. Es müssen sich aber auch alle darüber im Klaren sein, dass Open Science Infrastrukturen braucht, die Geld kosten. Infrastrukturen für das Publizieren und für das Management und Distribuieren für Forschungsdaten. Es darf keine Datenpiraterie geben.

Vielen Dank!

Über Prof. Dr. Gerald Schneider

Gerald Schneider ist seit 1997 Professor für Internationale Politik an der Universität Konstanz und seit 2000 Herausgeber der Zeitschrift European Union Politics. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Entscheidungsfindung der Europäischen Union, die Ursachen und Folgen von bewaffneter Gewalt sowie Handel, Migration und Finanzkrisen. Gerald Schneider war von 2013 bis 2015 Präsident der European Political Science Association und von 2004 bis 2004 Vizepräsident der International Studies Association.

Kontakt: https://www.polver.uni-konstanz.de/gschneider/people/gschneider/

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-0091-6217

Twitter: @GH_Schneider

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/gerald-schneider-6a284913/




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