Die Gesellschaft an Erkenntnissen teilhaben lassen

Prof. Dr. Harald Oberhofer über seine Open-Science-Erfahrungen

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Zugang zu Daten der öffentlichen Hand ist elementar für verlässliche Forschungsergebnisse.
  • Transparenz ist unerlässlich, damit Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Aufgabe gerecht wird.
  • Wissenschaftskommunikation hilft, das eigene Forschungsthema sichtbarer zu machen.


Herr Professor Oberhofer, gemeinsam mit Kolleg*innen haben Sie in Österreich die Plattform Registerforschung ins Leben gerufen. Was hat es damit auf sich?

HO: Für mich ist beim Thema Open Science die Frage nach der Verfügbarkeit von Daten für die Wissenschaft ein zentraler Punkt. In Österreich können sogenannte Registerdaten, die von Behörden aufgrund gesetzlicher Vorgaben gesammelt werden, bislang von Wissenschaftler*innen nicht genutzt werden. Die Plattform Registerforschung versteht sich als Interessengruppe der Wissenschaft, um das zu ändern. Gegründet haben wir uns, weil es seit 2018 durch eine Novelle des Forschungsorganisationsgesetzes theoretisch möglich ist, solche Register der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Rechtlich ist es etwas kompliziert, denn auch das Bundesstatistikgesetz spielt hier hinein. Die Daten der Bundesstatistik wären natürlich ebenfalls für die Wissenschaft interessant. Es geht nun also darum, beides zusammenzuführen. Wir begleiten diesen Prozess und sind diesbezüglich sogar im Regierungsprogramm der aktuellen österreichischen Bundesregierung erwähnt.


Warum ist der Prozess so zäh?

HO: Immer wieder werden datenschutzrechtliche Bedenken angeführt. Datenschutz ist natürlich außerordentlich wichtig, aber in diesem Fall überhaupt kein Hinderungsgrund. Wir brauchen nur nach Dänemark zu schauen: Dort kann die Wissenschaft seit über zehn Jahren mit Registerdaten arbeiten. Dänemark zeigt, dass es mit den entsprechenden Zugangsmöglichkeiten zu den Servern des Statistischen Amtes möglich ist, sensible Daten sicher zu nutzen und so zu anonymisieren, dass sich keine Rückschlüsse auf Personen oder Unternehmen ziehen lassen. Dort werden auch unterschiedliche Register verknüpft. Solche Datensätze werden für viele Forschungsfragen heutzutage dringend gebraucht.


Wie haben Sie persönlich zum Thema Open Science Zugang gefunden?

HO: Für mich gibt es da ein paar grundlegende Facetten. Zunächst geht es mir um die Frage: Wie versteht man sich als Wissenschaftler*in – vor allem, wenn man aus Steuermitteln finanziert wird? Es ist unser Privileg an Universitäten, dass wir uns Gedanken über die Welt machen können und dafür von der Bevölkerung finanziert werden. Das bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass die Bevölkerung auch das Recht hat zu erfahren, welche Erkenntnisse wir gewonnen haben und wie dies geschehen ist. Das ist der Bereich Wissenschaftskommunikation.

Es geht aber auch um Aspekte des Wissenschaftsbetriebs. Ich persönlich halte es für sehr wichtig, wissenschaftliche Ergebnisse nachvollziehbar zu machen und anderen Forscher*innen zu ermöglichen, die Ergebnisse zu überprüfen. Mittelfristig brauchen wir einen wissenschaftlichen Konsens und neue Erkenntnisse – das erreichen wir nur, wenn wir verstehen, was andere tun, und darauf aufbauen können.

Mein dritter Punkt ist wieder gesellschaftlicher Natur und hat mit der Frage zu tun: Warum ist man überhaupt Wissenschaftler*in? Mir geht es darum, Politikmaßnahmen hinsichtlich ihrer Zielerreichung empirisch zu überprüfen. Es geht darum, ob unterschiedliche Maßnahmen zu den gewünschten Ergebnissen geführt haben – nicht um als Besserwisser aufzutreten, sondern um der Politik Unterstützung zu bieten. Auch hier ist wieder das Problem, dass die notwendigen Daten oft nicht zur Verfügung gestellt werden. Das führt dann zu Evaluierungsergebnissen, die nur wenig oder gar nicht aussagekräftig sind. Deshalb engagiere ich mich für einen besseren Datenzugang, denn die Daten sind vorhanden und im Sinne einer evidenzbasierten Politik ist ihre Nutzung durch die Wissenschaft wichtig.


Wir haben bisher hauptsächlich über die Veröffentlichung und Nutzung von Daten gesprochen – wie stehen Sie zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen im Open Access?

HO: Marktkonzentration und Beschränkungen beim Zugang zu Forschungsergebnissen sind ein Thema, das wohl alle Disziplinen betrifft. Das ist tatsächlich ein Problem, denn es widerspricht der Idee, der Gesellschaft Zugang zu den veröffentlichten Forschungsergebnissen zu ermöglichen. Deswegen befürworte ich jede Initiative, die dies ändern möchte. An der Wirtschaftsuniversität Wien haben wir inzwischen Working-Paper-Reihen , in denen die meisten von uns Versionen unserer Arbeiten publizieren, die sehr nahe an der endgültigen Fassung sind. So sind sie schon mal öffentlich zugänglich. Darüber hinaus haben wir ein System, in dem alle Sperrfristen erfasst sind, sodass automatisch die publizierten Versionen der Arbeiten im ePub  veröffentlicht wird, sobald es möglich ist.


Nutzen Sie auch Pressearbeit oder soziale Medien?

HO: Ja, ich versende zu jeder Forschungsarbeit Presseinformationen und nutze die sozialen Netzwerke, um die Öffentlichkeit zu informieren. Hier in Österreich finden viele Journalist*innen ihre Interviewpartner oder interessante Forschungsergebnisse über Twitter. Wenn man sich als Expertin oder Experte in einem bestimmten Themenbereich etablieren möchte, ist es extrem hilfreich, Forschungsergebnisse dort zu posten. Wie gut das funktioniert, habe ich vor drei Jahren ganz direkt erlebt: Damals hatte ich mit einem Kollegen eine Arbeit zu den Handels- und Wohlfahrtseffekten des Brexits angefertigt. In der ursprünglichen Version waren nur Ergebnisse hinsichtlich der Effekte für UK und die EU enthalten. Auf Twitter kam dann immer wieder die Frage nach den Effekten für die einzelnen EU-Länder, vor allem Österreich. Wir haben also die Zahlen berechnet und einen Screenshot mit der Tabelle bei Twitter veröffentlicht. Am nächsten Tag standen die Zahlen zu Österreich in einer Zeitung – mit dem Hinweis auf Twitter und mit meinem Namen. Auf diese Weise kann man also, mit etwas Glück, schnell in die herkömmliche Medienwelt kommen – und das dient wiederum dem Ziel, die Gesellschaft so breit wie möglich über die eigene Forschung zu informieren.


Haben Sie Tipps für andere Wissenschaftler*innen, die sich dem Thema Open Science nähern möchten?

HO: Ich kann nur raten, von allen Möglichkeiten, die Open Science bietet, aktiv Gebrauch zu machen – das hat definitiv Vorteile. Wenn Verträge die Veröffentlichung im Open Access erlauben, dann sollte man das nutzen. Forschungsoutput braucht die maximale Reichweite – und man muss selbst auch bereit sein, so offen und transparent wie möglich zu arbeiten. Davor sollte man sich nicht fürchten. Mir ist klar, dass es nicht jedem liegt, aber man kann sich diesbezüglich auch professionelle Unterstützung holen, oft gibt es die sogar an der eigenen Universität. Das ist wichtig, damit wir als Wissenschaftler*innen – so wie es andere Interessengruppen in der Gesellschaft auch tun – unseren Mehrwert darstellen. Das können wir, wenn wir professionell kommunizieren, was wir tun.


Über Prof. Dr. Harald Oberhofer

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Seine Forschungsinteressen umfassen Außenhandelsökonomie, empirische Industrieökonomie und angewandte Ökonometrie. Regelmäßig berät er internationale Organisationen wie die OECD, die Weltbank und die Europäische Kommission.

Kontakt: https://www.wu.ac.at/ie/mitarbeiter/harald-oberhofer

Twitter: https://twitter.com/HO2604




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