Häufiger Austausch mit Wissenschaftsexternen ermöglicht relevantere Forschung

Prof. Dr. Dorothea Kübler über Wissenschaftskommunikation und Open Science

Porträt von Professorin Dorothea Kübler
Foto: David Ausserhofer

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Offene Wissenschaftskommunikation ermöglicht es, eigene Schwachstellen kritisch zu reflektieren und vor allem auf neue Ideen zu kommen.
  • Wer Wissenschaftskommunikation vorbereitet, sollte die Antwort wissen auf die beiden Fragen: Was ist die große Frage, die mich bewegt? Und was ist mein kleiner Beitrag, um diese große Frage zu beantworten?
  • Es ist wichtig, ehrlich und transparent zu kommunizieren, wie Wissenschaft funktioniert und auch Probleme wie p-Hacking oder Forking nicht zu verschweigen.

Sie sind Mitherausgeberin des populärwissenschaftlichen Buches „Zeitenwende“. Sie sind in TV-Interviews zu erleben, in Radiointerviews, Sie schreiben Gastbeiträge, es gibt unglaublich viel Medienresonanz auf Ihre Forschung. Warum investieren Sie so viel Zeit und Mühe in die Wissenschaftskommunikation?

DK: Ich sehe Wissenschaftskommunikation als Teil meiner Aufgaben am WZB. Und auch wenn es eine Herausforderung ist, macht es mir Spaß. Ein Teil der Herausforderung ist es, die eigene Forschung gut zu erklären, dass sie relevant und verständlich erscheint; ein anderer, Fragen zu beantworten, die nicht direkt meine Forschung betreffen, sondern darüber hinaus gehen, und die begründete Einschätzungen verlangen und nicht reine Spekulationen.

Bekommen Sie auch Resonanz, die Ihre Karriere und Ihre Arbeit voranbringt?

DK: Eine Motivation ist, dass ich im Zuge der Vorbereitung oftmals auf neue Ideen komme und Fragen nochmal anders stelle. Wenn ich mir zum Beispiel überlege, inwiefern meine Experimente für große Forschungsfragen relevant sind und was überhaupt die großen Forschungsfragen sind. Und zum anderen macht es mir Spaß, mich auszutauschen, Feedback und auch kritische Fragen zu bekommen. Das hat auch mit den blinden Flecken des eigenen Fachs zu tun. Als Ökonomin habe ich einen sehr individualistischen Blick auf menschliches Verhalten. Wenn ich mit fachfremden Kolleg:innen oder auch Personen aus der allgemeinen Öffentlichkeit spreche, bekomme ich nochmal einen neuen Blickwinkel auf menschliches Verhalten. Es hilft, für sich selbst zu reflektieren, dass man als Ökonom:in nur von einer Seite auf das Phänomen schaut.

Wie schaffen Sie es, Ihr Forschungsgebiet verständlich aufzubereiten?

DK: Mit viel Übung. Hilfreich ist es zum Beispiel, einen Text für die eigene Webseite zu schreiben und die Forschung dadurch auf den Punkt zu bringen. Da kann man sich daran erinnern und besser erzählen, was man macht. Manchmal steckt man so in den Details, dass man Formulierungsschwierigkeiten hat und den Überblick über die eigene Arbeit verliert.

Haben Sie Tipps für Nachwuchsforschende in Sachen Wissenschaftskommunikation?

DK: Ein Punkt, der sehr wichtig ist, den man als Wissenschaftler:in aber auch schnell vergisst: Was ist die große Frage, die mich bewegt? Und was ist mein kleiner Beitrag, um diese große Frage zu beantworten? Was ist mein Baustein? Die große Frage muss klar sein, damit die Forschung interessant ist. Ich konnte das auch ganz lange Zeit nicht, das ist also auch wieder ein Prozess. Der zweite Punkt ist, den Forschenden die Angst zu nehmen, etwas falsch zu machen oder falsch verstanden zu werden. Es geht zunächst darum, Interesse zu wecken und da ist es nicht nötig, alles perfekt inszeniert zu präsentieren.

Wie schaffen Sie es, sich vom Fachvokabular zu verabschieden, so dass die Texte für die Allgemeinheit verständlich ist?

DK: Das ist ein sehr wichtiger Punkt und auch wieder eine Übungssache. Es kann hilfreich sein, sich beim Schreiben einen bestimmten Adressaten, z.B. die Großtante, vorzustellen, der man das Thema erklären will. Man kann auch mal alles für sich aufschreiben und das Fachvokabular bewusst rausstreichen. Es ist wieder ein Lernprozess. Der Anspruch ist einfach ein anderer, wenn ich nicht für das Fachpublikum schreibe. Man muss dann damit leben, dass es nicht ganz exakt ausgedrückt ist.

Junge Wissenschaftler:innen äußern in Gesprächen immer wieder, dass sie nicht die Zeit für Wissenschaftskommunikation haben. Ist Wissenschaftskommunikation ein Luxus von Professor:innen?

DK: Je nachdem, zu welchem Thema man befragt wird, finde ich das nicht zeitaufwendig. Ein Radiointerview zum eigenen Forschungsthema beispielsweise geht ja ganz schnell. Es gibt sicherlich Anfragen, zu denen man sich Gedanken machen muss. Vielleicht hängt das auch mit schlechten Erfahrungen bei den Nachwuchswissenschaftler:innen zusammen. Weil es manchmal auch nicht ganz einfach ist, habe ich jetzt das Projekt „Economic Insights: Transfer and Capacity Building (BSE Insights)“ ins Leben gerufen, gefördert von der Leibniz-Gemeinschaft, in dem junge Menschen für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit trainiert werden. Vom Texten über das Verfassen von Tweets ist alles mit dabei. Ich finde es nämlich sehr wichtig, dass nicht immer die gleichen Leute von den Medien befragt werden, sondern dass das Konzert etwas mehrstimmiger wird. Man sollte den wissenschaftlichen Nachwuchs anleiten, aber im Endeffekt müssen sie es auch machen.

Haben Sie schon erlebt, dass Sie mit einem Text oder Tweet einen Stein ins Rollen gebracht haben?

DK: Ja. Es gibt zwei Themen, die in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurde: Zum einen eine Studie über Diskriminierung von Frauen auf dem Ausbildungsmarkt. Also Gender, ein Thema, das alle interessiert. Dabei ist herausgekommen, dass Frauen in männerdominierten Berufen besonders stark diskriminiert werden. Vor ein paar Wochen habe ich etwas über den Schwarzmarkt für Termine bei deutschen Konsulaten im Ausland veröffentlicht. Es gibt überall auf der Welt Probleme mit den Online-Terminbuchungssystemen, so dass es tatsächlich Schwarzmärkte für Termine gibt. Voranging haben ausländische Personen für bestimmte Visa-Klassen Schwierigkeiten, einen Termin zu bekommen. Ob sich an der Situation etwas ändert, ist fraglich, aber wir haben aktiv zu der Diskussion beigetragen und das Problembewusstsein geschärft. Das ist kein klassisches ökonomisches Thema, aber die Aufmerksamkeit freut mich umso mehr.

Es geht zusammengefasst um Veränderung, die Sie mit verursachen wollen?

DK: Mit der nötigen Demut kann man immer nur einen Teilaspekt eines Problems abdecken, aber damit zur Lösung beizutragen, ist auf jeden Fall mein Ziel.

Wo sehen Sie Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaftskommunikation?

DK: Wissenschaftskommunikation hat ja unterschiedliche Aufgaben, einmal die Aufgabe, für Wissenschaft zu interessieren und der Öffentlichkeit ein Gefühl zu geben, was eigentlich gemacht wird und was die Hauptergebnisse sind. Das ist wichtig. Da bin ich der Meinung, dass noch etwas getan werden kann. Die detaillierten Ergebnisse sind meiner Meinung eher relevant für das Fachpublikum. Man muss auch nicht so tun, als würde jede:r sich für alle Einzelheiten interessieren. Es kommt hinzu, dass die Fachdisziplinen ihren eigenen Entwicklungen und Logiken unterworfen sind, insbesondere in der Grundlagenforschung, die mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen oft wenig zu tun haben.

Bei Wissenschaftskommunikation geht es nicht nur um die Ergebnispräsentation, sondern auch darum, zu erläutern, wie Wissenschaft zustande kommt. Würden Sie sagen, das ist tatsächlich von hohem Interesse?

DK: Forschungsprozesse, Rahmenbedingungen und das ganze Wissenschaftssystem an sich sind ähnlich komplex wie ein Forschungsergebnis. Ich weiß nicht, ob Laien im Detail daran interessiert sind. Es sollte aber versucht werden, allgemeinverständlich zu erklären, welche Methode verwendet wurde. Sonst kann man Ergebnisse auch nicht verstehen. Nur mit Methoden lockt man sicherlich niemanden hinter dem Ofen hervor. Man sollte das schon mit inhaltlichen Fragen verknüpfen. Was ich aber wichtig finde, und dafür wurde ja Christian Drosten sehr gelobt, ist, die Prozesshaftigkeit immer wieder zu betonen. Es ist natürlich nervig für die Politik und andere, wenn sich ein Kenntnisstand wieder ändert, aber so ist eben Wissenschaft. Und es ist auch wichtig, zu verdeutlichen, dass nicht eine einzige Studie alles entscheidet. Man muss immer etwas weiter gucken.

Es gibt einige Studien, die darlegen, dass Peer Review nicht so unvoreingenommen bewertet wie erhofft, dass p-Hacking durchaus eine Rolle spielt – auch wenn sie durch ein Peer Review begutachtet wurden, dass sich Ergebnisse mehrheitlich nicht replizieren lassen, dass Ergebnisse mit negativen Resultaten von Herausgeber:innen nicht angenommen werden, dass der Anteil der wegen Datenfälschung zurückgezogenen Artikel in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Inwieweit sollte dies auch im Rahmen von Wissenschaftskommunikation nach außen getragen werden? Wie umfangreich darf kommuniziert werden, wie Wissenschaft funktioniert?

DK: Das ist ein großes Problem für alle, die empirisch arbeiten. Die Replikationskrise und p-Hacking werden unter den experimentellen Ökonom:innen sehr stark diskutiert. Hier ändern sich gerade die Anforderungen, so dass beispielsweise mehr Studien präregistriert werden, d.h., die Forschungsfragen und die Untersuchungsmethoden werden vorher festgelegt. Wenn ich dann von den Fragen und Methoden abweiche, muss ich es begründen. Das ist ein dynamisches Feld. Die Disziplin entwickelt sich hier gerade ganz stark und die Normen verändern sich auch, z.B. wie detailliert ich alles dokumentieren muss, so dass es dann auch für die Gutachter:innen auf einen Blick nachvollziehbar ist. Das Thema wird in der Wirtschaftsforschung sehr kontrovers diskutiert. Insbesondere für Feldexperimente, die man nicht so leicht wiederholen kann, ist die Prä-Registrierung wichtig. Wie bindet man das jetzt alles in die Kommunikation ein? Es nährt natürlich den Zweifel an der Wissenschaft, wenn man detailliert sieht, was alles gemacht wird, was wissenschaftlich unsauber ist – p-Hacking oder Forking sind schöne Begriffe dafür. Ein riesiges Problem ist auch, dass Studien mit Null-Ergebnissen so gut wie gar nicht veröffentlicht werden. Aber auch das sollte meiner Meinung nach außen getragen und kommuniziert werden.

Es gibt ja beispielsweise den Preis der Einstein-Stiftung für Research Integrity. Hier geht es primär darum, die Menschen in den Fokus zu rücken, die kreative Ideen zeigen, wie man diese Probleme löst. Ich fände es sehr unethisch, die Probleme, mit denen Wissenschaft zu kämpfen hat, zu verschweigen.

Würden Sie sagen, dass Sozial- und Wirtschaftsforschende eine besondere Verantwortung haben, was Wissenschaftskommunikation angeht?

DK: Ich denke schon, dass in den Sozialwissenschaften Themen bearbeitet werden, die für die allgemeine Öffentlichkeit häufig wichtig und von Interesse sind. Es gibt aber genauso gut andere Bereiche mit öffentlichem Interesse, z.B. Medizin. Alle Fächer sollten grundsätzlich Interesse wecken und aufklären, was sie tun. Es geht die Bevölkerung etwas an, denn sie finanziert schließlich die Wissenschaft. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht ja in einem globalen Zusammenspiel von Forschenden. Und die Bevölkerung sollte eine Chance bekommen, zu verstehen, was gerade global an Wissen produziert wird. Das ist auch für die Akzeptanz von Wissenschaft wichtig.

Wo sehen Sie die Zukunft von Open Science? Open Science verstanden als Dachbegriff für offene Forschungsprozesse und als Öffnung des Wissenschaftsbetriebes in die Gesellschaft hinein?

DK: Einerseits hat Open Science etwas mit Replizierbarkeit und Überprüfbarkeit zu tun. Dies birgt ein bisschen die Hoffnung, dass Forschung besser wird und es weniger falsche Ergebnisse gibt, die lange kursieren. Andererseits hat es aber auch mit armen und reichen Ländern zu tun. Ein Kollege von mir hat während der Pandemie angefangen, Onlinekurse an westlichen Universitäten für Studierende aus dem globalen Süden zu öffnen. Er hat eine Plattform entwickelt, auf der die Studierenden sehen können, welche Kurse sie online belegen können und dafür ggf. auch Scheine bekommen (remotestudentexchange.org). Damit Personen, egal wo sie gerade sind, auch an guten Universitätskursen teilnehmen können. Das ist für mich eine beeindruckende Form von Open Science. Das hat natürlich mit Ungleichheits- und Gerechtigkeitsfragen zu tun. Ihre Frage ist ziemlich komplex. Ich denke auch, dass man relevantere Forschung macht, wenn man mehr im Gespräch ist mit Wissenschaftsexternen, weil man die eigenen Schwachstellen eher sieht und außerdem auf neue Ideen kommt. Meine Beschäftigung mit dem Schwarzmarktthema begann durch Gespräche mit Praktikern. Und jetzt ist ein Grundlagenpapier daraus geworden. Von allein hätten wir uns dieses Thema nie ausgedacht. Ich erhoffe mir, dass die Forschung durch Open Science besser und die Politik evidenzbasierter wird. Und ich erhoffe mir zudem mehr Verständnis in der Politik und der Öffentlichkeit, dass man nur dann etwas herausfindet, wenn man der Forschung auch Daten zur Verfügung stellt.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Prof. Dr. Dorothea Kübler

Dorothea Kübler ist Direktorin der Abteilung „Verhalten auf Märkten“ am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin. Ihre Forschung nutzt experimentelle Methoden und Spieltheorie, um Entscheidungsverhalten und Marktdesign zu untersuchen. Ihre Arbeiten in den letzten Jahren beschäftigen sich unter anderem mit der zentralen Vergabe von Studienplätzen in Deutschland, mit dem Einfluss von sozialen und moralischen Normen auf Verhalten auf Märkten sowie mit Bildungsentscheidungen und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Im Jahr 2020 wurde Dorothea Kübler der Schader Preis verliehen.

Dorothea Kübler ist Mitglied des Senats der DFG, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, stellvertretende Vorsitzende der Einstein Stiftung Berlin und Vice President Europe der Economic Science Association (ESA). Weiterhin ist sie Gründungsmitglied des europäischen Netzwerks „Matching in Practice“ und Mitglied des Sonderforschungsbereichs SFB TRR 190 „Rationalität und Wettbewerb“ sowie des Exzellenzclusters SCRIPTS.

Kontakt: https://www.wzb.eu/de/personen/dorothea-kuebler

ORCID-ID: 0000-0002-0289-8382

Twitter: @DorotheaKuebler




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