Moralisierungsfalle im Kontext von Open Science ist in der BWL überwunden

Daniel Wentzel über seine Open-Science-Erfahrungen

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Die drei wesentlichen Learnings:

  • Die Replikationskrise hat die betriebswirtschaftliche Forschung nachhaltig verändert, aber nicht über den erhobenen Zeigefinger, sondern über verbindliche Standards. Präregistrierung und Datenteilung sind in führenden Journals heute schlicht Voraussetzung. Klare Regeln entlasten, sie beenden die moralische Dauerdebatte und schaffen Verlässlichkeit.
  • Publish or Perish bleibt das eigentliche Strukturproblem. Open Science kann Transparenz schaffen, aber den existenziellen Druck auf den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht auflösen. Solange Journals faktisch nur signifikante Ergebnisse publizieren und der globale Wettbewerb um Publikationsplätze wächst, bleiben Fragen immer kleiner und intellektuell risikoscheuer.
  • KI ist die nächste ungelöste Herausforderung für wissenschaftliche Praxis. Wie Transparenz und Reproduzierbarkeit im Zeitalter von Sprachmodellen aussehen sollen – etwa durch Prompt-Archivierung als neues Äquivalent zur Datenspeicherung –, ist noch völlig offen. Die Fragen sind gestellt, die Antworten fehlen. Aber die Dringlichkeit, sie zu stellen, ist unbestreitbar.

Welche Rolle spielt Open Science in Ihrer Arbeit? Und gab es einen Moment, der alles verändert hat?

DW: Bevor ich antworte: Was verstehen Sie unter Open Science? Der Begriff ist weit gefasst.

Ich meine ihn als Dachbegriff, von Präregistrierung und Registered Reports über Datenteilung und Open Access bis hin zur Kommunikation in die nicht-akademische Öffentlichkeit.

DW: Das ausschlaggebende Moment im Bereich Marketing, BWL, Psychologie war sicherlich die Replikationskrise vor zehn, fünfzehn Jahren. Als sich herausstellte, dass sich sehr viele Ergebnisse nicht reproduzieren ließen, kamen Fragen nach Questionable Research Practices auf bis hin zu prominenten Fällen vermeintlicher Datenfälschung. Irgendwann war klar: So kann es nicht weitergehen.

Kannten Sie dieses Thema schon aus dem Studium?

DW: Mein Studium liegt eine Weile zurück. Das kam erst viel später. Erst durch die Replikationskrise begann die Reflektion. Was sind denn eigentlich die Praktiken, die wir anwenden und sind die zielführend bis hin natürlich ethisch korrekt? Ein Problem dieser Debatte war allerdings, dass sie moralisch stark aufgeladen war. Nicht so sehr die pragmatische Frage „Was können wir besser machen?“ stand im Vordergrund, sondern die Moralkeule. Das hat es schwerer gemacht, in breiten Kreisen Gehör zu finden.

Erleben Sie da einen Wandel? Oder stehen sich zwei Lager einfach unversöhnlich gegenüber?

DW: Auf die moralisch-ethische Diskussion hat heute niemand mehr Lust. Das hatten wir. Jetzt muss nach vorne geschaut werden. Und vieles ist inzwischen schlicht Standard, zumindest in meiner Disziplin. Wer in den wirklichen Top Journals publizieren will, für den ist Präregistrierung keine Option mehr, sondern Voraussetzung. Wer keine hat, braucht ein sehr gutes Argument. Ähnliches gilt für Datenteilung. Nicht bei der Ersteinreichung, aber spätestens in der zweiten Runde heißt es sehr oft: Daten hochladen, verfügbar machen. Ausnahmen gibt es nur bei proprietären Unternehmensdaten. Alles andere, Experimente, Befragungen, Interviews, steht nicht zur Diskussion. Ich finde das ausgesprochen hilfreich. Klare Standards entlasten den Einzelnen. Denn wo Flexibilität und individuelle Entscheidungsspielräume bestehen, kehrt die Moralkeule schnell zurück. Dieses Kapitel aber ist meiner Einschätzung nach abgeschlossen.

Aus der Psychologie wissen wir: Je weniger Entscheidungen ich täglich treffen muss, desto mehr mentale Energie bleibt für das Wesentliche. Wäre es nicht eine Erleichterung für Forschende, wenn Open-Science-Praktiken schlicht zum Standard gehörten und die Frage „Mache ich das oder nicht?“ gar nicht mehr gestellt werden muss?

DW: Ja, durchaus. Die Standards sind gesetzt, und was man vor zehn, zwanzig Jahren gemacht hat, würde heute niemand mehr so machen. Das ist allen klar, und das ist gut so. Was ich allerdings zunehmend auf Konferenzen und in Gesprächen mit Kolleg:innen beobachte, ist eine Art Backlash. Die Frage wird lauter: Bringt uns das wirklich weiter? Diese Debatte entzündet sich vor allem an zwei Punkten.

Der erste betrifft das sogenannte File-Drawer-Problem. Ich führe zwanzig Studien durch, aber publiziere nur die eine, die ein signifikantes Ergebnis liefert. Die anderen neunzehn verschwinden in der Schublade. Das erzeugt eine Pseudo-Genauigkeit, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Hinzu kommt eine Ressourcenfrage. Nur sehr gut ausgestattete Universitäten können es sich leisten, so viele Studien durchzuführen. Das verschafft ihnen einen strategischen Vorteil, der wenig mit Forschungsqualität zu tun hat. Die Spielregeln haben sich geändert, aber ob das System dadurch wirklich besser geworden ist, steht auf einem anderen Blatt. Der zweite Punkt betrifft die Präregistrierung selbst. Helfen uns Präregistrierungen tatsächlich im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess weiter? Forschung lebt auch von Serendipity, sprich von unerwarteten Befunden, von Ideen, die erst im Prozess entstehen. Wer nur noch Hypothesen präregistriert, von denen er bereits weiß, dass sie aufgehen werden, meidet das Riskante, das Unerwartete. Das Korsett, das Qualität sichern soll, kann Kreativität und echte Entdeckungen zugleich abwürgen.

Ist das Ihre persönliche Meinung oder beschreiben Sie, was in der Community diskutiert wird?

DW: Beides. Es wird lebhaft diskutiert. Aber ich teile die Skepsis durchaus. Wenn ich einen Forschungsprozess beginne, weiß ich oft nicht, wohin er führt. Wenn das System aber verlangt, dass ich das alles bereits vorher wissen muss, wird es problematisch. Präregistrierung als Prozessdokumentation – sehr gut. Präregistrierung als vorweggenommene Erkenntnis – das ist eine andere Sache.

Präregistrierung bedeutet in meinen Augen nicht, das Ergebnis vorherzusagen, sondern transparent zu machen, wie ich mich einer Frage nähere, welche Ausgangshypothesen ich habe, welche Methode ich wähle, ob ich explorativ oder konfirmatorisch vorgehe. Ist das nicht im Kern einfach saubere methodische Dokumentation?

DW: So sollte es sein. Faktisch erlebe ich aber oft, dass ein konfirmatorisches Denken vorausgesetzt wird. Wer sagt „Ich gehe das explorativ an und schaue, was sich zeigt“, bekommt von Top Journals häufig zu hören: Das reicht nicht. Und das läuft dann praktisch darauf hinaus, dass man Studien neu aufsetzen muss. Man präregistriert explorativ, findet etwas, und dann kommt der Hinweis: „Jetzt weißt du ja, wonach du suchen musst. Also mach es noch einmal, diesmal konfirmatorisch präregistriert.“ Das sind technische Auswüchse, die mit der Kernidee der Präregistrierung wenig zu tun haben. Denn die Kernidee ist zweifellos gut, nicht nur im Sinne der Ergebnisqualität, sondern auch als Prozessdokumentation.

Das merke ich in meiner eigenen Arbeit. Es ist ausgesprochen hilfreich, nachvollziehen zu können, was man vor zwei, drei Jahren eigentlich vorhatte und wie man zu bestimmten Ergebnissen gekommen ist. Ähnliches gilt für das Teilen von Analyseskripten. Auch das ist inzwischen Standard, und zu Recht. Die wenigsten Menschen sind diszipliniert genug, das von sich aus sorgfältig zu dokumentieren. Wenn die Struktur einen sanft dazu zwingt, ist das eine sehr gute Entwicklung. Was die Frage betrifft, welche Auswirkungen diese Standards darauf haben, welche Forschungsfragen überhaupt noch gestellt werden, da sehe ich noch Kinderkrankheiten. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das löst, wenn die Community gelernt hat, souveräner mit diesen Instrumenten umzugehen. Aber ich glaube, das ist so ein Thema, das jetzt gerade auch recht intensiv diskutiert wird.

Sie haben die Replikationskrise als Wendepunkt beschrieben. Gab es einen konkreten Moment, eine erste Praktik, bei der Sie gemerkt haben: Das verändert meine Arbeit und bringt mir etwas?

DW: Ob es konkrete Vorteile bringt, würde ich so nicht sagen. Vieles ist schlicht Standard geworden, und das ist gut so. Aber es gibt eine Erfahrung, die mich wirklich positiv überrascht hat. Wir haben uns einmal mit Kolleg:innen gemeinsam auf einen Registered Report beworben. Es ging darum, eine Hypothese zu replizieren. Eine, die gut in den Kontext der Replikationskrise passte. Ein spannendes Ergebnis, aber wie belastbar? Das war offen. Also reichten wir das Proposal bei einem renommierten Journal ein und die Erfahrung war außergewöhnlich. Was mich daran beeindruckt hat: Normalerweise denkt man bei einem Forschungsprojekt von Anfang an taktisch. Was werden die Reviewer bemängeln? Wie positioniere ich das Manuskript, um Kritik vorwegzunehmen? Das ist kein Versagen, sondern es ist ein normaler Teil des Spiels. Aber es bedeutet eben auch, dass das Erkenntnisinteresse nicht immer an erster Stelle steht.

Bei diesem Registered Report war das anders. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich mich gefragt: Wenn ich diese Frage wirklich beantworten will, welche Studie wäre dafür eigentlich die beste? Unabhängig von allen taktischen Erwägungen. Und Gutachter:innen und Editor:innen haben genau das unterstützt. Die Studie war wahnsinnig aufwendig, aber es hat Spaß gemacht, weil wir uns vom Erkenntnisinteresse leiten ließen und nicht vom Publikationssystem. Ja, man könnte sagen: So sollte es eigentlich immer sein. Aber so ist es halt nicht, gegeben den Restriktionen, unter denen wir alle arbeiten. Umso bemerkenswerter, wenn es einmal so funktioniert.

Viele starten ihr wissenschaftliches Leben mit echter Neugier und dem Wunsch, Fragen ergebnisoffen nachzugehen. Irgendwann frisst der Publikationsdruck diese Motivation auf. Könnte Open Science hier gegensteuern als eine Art Befreiung vom Systemzwang, die Forschende wieder zu ihrem ursprünglichen Erkenntnisinteresse zurückführt?

DW: Das wäre eine sehr hohe Erwartung an Open Science. Und ich glaube, sie übersteigt, was diese Prinzipien leisten können. Der eigentliche Druck kommt aus dem Wissenschaftssystem selbst, aus diesem unbarmherzigen Publish or Perish, das nicht besser, sondern mit den Jahren schlimmer wird. Ich sage das meinen Doktorand:innen und Postdocs oft offen. Ich habe den Luxus, ergebnisoffen zu denken. Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, ein paar Jahre weniger zu publizieren. Für sie steht existenziell mehr auf dem Spiel. Sie haben diesen Luxus nicht. Sie müssen sich fügen oder den Weg in die Wissenschaft aufgeben. Das kann man berechtigt problematisch finden. Als Einzelperson wird man es nicht ändern.

Es gibt aber Diskussionen darüber, auch nicht-signifikante Ergebnisse in renommierten Journals zu publizieren, um den Publication Bias zu reduzieren und Forschenden, auch dem Nachwuchs, neue Wege zu öffnen. Sehen Sie da realistische Chancen?

DW: Die Idee ist gut – aber sie findet keine Traktion. Kein Editor würde offen sagen, er nehme nur signifikante Ergebnisse. Faktisch läuft es aber genau darauf hinaus. Der Grund ist strukturell. Der globale Wettbewerb um Publikationsplätze wächst – aus China, bald aus Indien –, während der verfügbare Journal Retail Space konstant bleibt. Als Journal mit starker Reputation kann ich es mir leisten, immer die vermeintlich besten Ergebnisse auszuwählen. Nicht-signifikante Befunde brauche ich schlicht nicht.

Wir haben das in einem eigenen Forschungsprojekt untersucht, einer Textanalyse von dreißig Jahren Marketingforschung über die wichtigsten Journals hinweg. Das Ergebnis war ernüchternd. Die Fragen werden kleiner und kleiner. Die großen Würfe verschwinden, übrig bleiben scharf eingegrenzte Fragen mit eindeutigen Antworten, methodisch sauber, aber zunehmend ohne intellektuelle Kühnheit. In einer Folgestudie mit rund fünfzig Editoren und Department Heads haben wir das kulturell eingeordnet: Es fehlt der Community als Ganzes der Mut, hier wirklich umzusteuern. Ein konkretes Beispiel: Ein renommiertes Journal hat eine Art Replication Corner eingeführt. Man reicht Design und Fragestellung ein, bekommt ein grünes Licht – und darf dann präregistrieren. Klingt gut. Aber das Journal behält sich vor, am Ende eine finale Editorial Decision zu treffen. Ist das Ergebnis spannend genug? Damit führt es die ganze Idee ad absurdum.

Das klingt kontraproduktiv.

DW: Genau. Es ist ein Signal, das keinen Sinn ergibt. Wenn ich am Ende immer noch nicht weiß, ob meine Arbeit angenommen wird, ändert sich am Grundproblem nichts. Open Science kann vieles verbessern – ob es diesen strukturellen Knoten lösen kann, bezweifle ich.

In der BWL gibt es seit Langem die Frage nach der eigenen wissenschaftlichen Legitimität – ob das Fach an der Universität steht, weil es echte Forschung betreibt oder weil es Studierendenzahlen liefert. Ist diese Fokussierung auf immer kleinere, klar messbare Phänomene letztlich ein Versuch, die Identitätskrise der Disziplin durch methodische Strenge zu lösen?

DW: Das ist definitiv so, und es ist gut dokumentiert. Vor etwa fünfzig Jahren hat in den USA eine Art Wissenschaftsrat die Business Schools unter die Lupe genommen und ein vernichtendes Urteil gefällt: Hier findet keine Forschung statt, hier wird mit Bauchgefühl argumentiert. So könne es nicht weitergehen. Das war der Startschuss für die Naturverwissenschaftlichung der BWL – ein Schritt, der sich historisch sehr präzise verorten lässt.

In Deutschland kam diese Welle mit einer Verzögerung von vielleicht zwanzig Jahren an. Ich habe vor genau zwanzig Jahren promoviert und war Teil der ersten Generation, der gesagt wurde: Eine 400-seitige Monografie, die dein Professor gut findet, reicht nicht mehr. Forschung muss überprüfbaren wissenschaftlichen Kriterien standhalten. Inzwischen ist die BWL in Deutschland, was Forschungsstandards angeht, sehr gut aufgestellt.

Eine Rolle spielt dabei auch, dass die BWL – und das Marketing im Besonderen – zum Schmelztiegel für andere Disziplinen geworden ist. Psycholog:innen, Statistiker:innen, Ökonometriker:innen siedeln in die BWL über und bringen ihre wissenschaftliche Sozialisation mit. Das hat die methodische Kultur des Fachs erheblich geprägt.

Aber genau darin liegt auch ein Problem. Diese Entwicklung hat uns zwar methodisch geschärft, aber gleichzeitig den Blick auf die großen Fragen verstellt. Wie führe ich ein Unternehmen? Was braucht es, um am Markt erfolgreich zu sein? Das sind die Fragen, für die BWL eigentlich steht. Und genau diese Fragen können wir immer schlechter beantworten, weil wir uns ihnen kaum noch widmen. Wir haben in unserem Forschungsprojekt gesehen, wie stark dieser Trend ist und wie sehr er uns den Blick auf das Wesentliche versperrt. Aber das ist noch einmal ein eigenes, großes Thema.

Nun interessiert mich aber noch eine andere Perspektive. Wie verhalten sich eigentlich die Verlage? Gibt es Fälle, in denen ein renommiertes Journal darauf besteht, dass die Forschungsdaten exklusiv auf der eigenen Plattform hinterlegt werden?

DW: So weit scheinen die Verlage in ihren Überlegungen noch nicht zu sein. Im Moment gilt weitgehend, dass es ausreichend ist, solange die Daten in einem halbwegs vertrauenswürdigen Repository verfügbar sind. Es wäre also durchaus akzeptabel, die Daten etwa bei BERD – oder wie die Plattform künftig heißen mag – zu hinterlegen statt bei OSF. Das stellt derzeit kein Problem dar.

Mein vorletzter Themenblock wäre die Wissenschaftskommunikation. Tragen Sie Ihre Forschungsergebnisse aus der Marketingwissenschaft auch aktiv in die Praxis, also in die Community der Marketing-Praktiker?

DW: Durchaus. Über Workshops und Interaktionsforen mit Unternehmen, aber natürlich auch sehr stark über LinkedIn. Die Plattform hat Twitter respektive X als bevorzugten Kanal der Wissenschaftskommunikation inzwischen weitgehend abgelöst. Das ist ein Trend, den man branchenweit beobachtet – mit durchaus unterschiedlicher Qualität, aber die Entwicklung ist unverkennbar.

Erhalten Sie auch Resonanz? Wenn Sie etwa einen Praktikertag besuchen, einen Workshop leiten oder einen Beitrag auf LinkedIn veröffentlichen, melden sich dann Praktiker:innen mit konkreten Anliegen oder Ideen für Anschlussprojekte?

DW: Über LinkedIn eher weniger. Das dient häufig eher der Selbstdarstellung als dem echten Austausch. Anders verhält es sich bei Präsentationen, Foren und Workshops. Wir sind als empirisch arbeitende Forschende ja auf Zugang zu Unternehmensdaten angewiesen, und dieser erschließt sich fast ausschließlich über persönliche Kontakte. Die Logik dahinter ist vertraut. Man präsentiert, kommt mit jemandem ins Gespräch, baut eine Beziehung auf, und am Ende steht eine Kollaboration. Die muss nicht finanzieller Natur sein; oft geht es um Datenzugang oder Implementierung eines Feldexperimentes.

Sie würden also sagen, Wissenschaftskommunikation fungiert als eine Brücke in die Praxis?

DW: Als eine durchaus tragfähige, nicht nur als schmaler Steg. Allerdings möchte ich betonen: Das ist keine Errungenschaft der Open-Science-Bewegung. Der Austausch mit der Unternehmenspraxis hat im deutschsprachigen Wissenschaftssystem eine lange Tradition. Und das unterscheidet uns übrigens merklich vom US-amerikanischen Modell. Das deutsche Lehrstuhlsystem hingegen strukturell mehr Berührungspunkte mit unterschiedlichen Stakeholdern und damit häufig auch einen besseren Zugang zu Praxisdaten.

Hätten Sie vielleicht konkrete Empfehlungen für Forschende, die ebenfalls in der Marketingwissenschaft oder angrenzenden betriebswirtschaftlichen Disziplinen tätig sind? Gibt es Formate oder Veranstaltungen, die Sie besonders empfehlen würden?

DW: Das eine schließt das andere nicht aus. Ein universell gültiges Forum gibt es wohl nicht, aber der Marketingclub, als Interessenvereinigung mit regionalen Ablegern überall in Deutschland, sowie der Deutsche Marketingverband bieten zahlreiche Tagungen und Austauschformate mit der Praxis. Mein früherer Rektor hat es treffend formuliert: „Jeden Tag, den ihr nicht in Aachen seid, ist ein guter Tag.“ Gemeint war: Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in den Austausch. Dem würde ich uneingeschränkt zustimmen. Nicht zuletzt, weil es die eigenen Ideen schärft. Wenn ich versuche, einen Gedanken einem fachfremden Publikum zu erklären, und er kommt nicht an, liegt das selten am Publikum. Meistens zeigt sich dabei, dass die Idee selbst noch nicht präzise genug durchdacht ist.

In diesem Zusammenhang interessiert mich das viel diskutierte Theorie-Praxis-Gap. Ich bin selbst Teil des Leibniz-Forschungsnetzwerks für evidenzbasierte Wissenschaftskommunikation, der Praktiker:innen mit Wissenschaftskommunikationsforschenden zusammenbringt. Bereits beim Auftakttreffen wurde deutlich, wie schwierig eine echte Kollaboration ist. Die Praxis wünscht sich Antworten auf konkrete Fragen, möglichst rasch. Die Forschung hingegen signalisiert, dass ein Thema für eine Publikation womöglich zu kleinteilig ist und ein Ergebnis realistischerweise erst in drei oder vier Jahren vorliegen kann. Hinzu kommt, dass ein Thema journalfähig sein muss. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld in der Marketingforschung? Und wie gehen Sie damit um?

DW: Dieses Grundproblem kennen wir selbstverständlich auch. Die Bedarfe der Praxis und die Interessen der Wissenschaft decken sich eben nicht immer. Und das wird sich wohl nie vollständig auflösen lassen, denn Wissenschaft soll und muss autonom bleiben. Im Marketing als dezidiert angewandter Disziplin ist die Spannung allerdings etwas weniger ausgeprägt als in anderen Fächern. Ich würde die Frage jedoch gerne umkehren. Enger Praxisaustausch ist für mich kein Zugeständnis, sondern ein strategischer Vorteil. Wer im Gespräch mit Unternehmen bleibt, stößt auf Fragen, die relevant und geerdet sind, und gewinnt im besten Fall Zugang zu Daten und Gesprächspartner:innen, die einem sonst verschlossen blieben. Das gilt übrigens nicht nur für Unternehmen. Auch Verbraucherschutzorganisationen, NGOs oder Umweltverbände können wertvolle Partner sein. Je stärker die Daten und je überzeugender die Fragestellung, desto mehr Spielraum entsteht auch an anderer Stelle, etwa wenn methodische Details nicht in jeder Hinsicht dem Laborstandard entsprechen, die Relevanz des Befundes aber evident ist.

Zum Abschluss noch eine Frage mit Blick auf den VHB, wo Sie ja Leiter der wissenschaftlichen Kommunikation Marketing waren. Welche Rolle spielen Themen wie Open Science, gute wissenschaftliche Praxis und Transparenz in der Verbandsarbeit – und wie werden sie dort diskutiert?

DW: Ich sollte der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich den Kommissionsvorsitz inzwischen abgegeben habe. Aber diese Themen werden durchaus aktiv diskutiert, vor allem mit Blick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es geht darum, klare Orientierungspunkte zu setzen, denn im Studium kommen diese Fragen kaum vor, und auch an den Lehrstühlen werden sie – wenn überhaupt – meist nur implizit behandelt. Hier sehe ich den VHB in einer wichtigen Rolle. Spielregeln guter wissenschaftlicher Praxis zu definieren und zu vermitteln, bevor der Nachwuchs in vermeidbare Fallstricke tappt.

Ein schlichtes Beispiel: Es muss ja nicht gleich um Präregistrierung gehen. Aber etwa ein Ethikantrag für ein Experiment, auch wenn das Vorhaben ethisch unproblematisch ist, etwa wenn Proband:innen schlicht Bilder verschiedener Autodesigns bewerten sollen. Formal ist dieser Antrag dennoch erforderlich, allein um das entsprechende Kästchen abhaken zu können. Solche Konventionen müssen der nächsten Generation bekannt sein. Was sind die heutigen Maßstäbe wissenschaftlicher Praxis? Und warum weichen sie mitunter von dem ab, was man in älteren Publikationen vorfindet? Denn die Standards sind ein moving target. Der Verband nimmt diese Aufgabe meiner Wahrnehmung nach ernst – und das ist gut so.

Wie schätzen Sie die Entwicklung von Open Science ein – gerade angesichts globaler Herausforderungen, der rasanten Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz und all der Umbrüche, die wir gerade erleben? Würden Sie sagen, dass wir uns diesem Thema jetzt mit neuem Ernst widmen müssen?

DW: Zweifellos. Ich bin überzeugt, dass Open Science an Bedeutung kontinuierlich gewinnen wird. Vieles von dem, was wir zu Beginn unseres Gesprächs angesprochen haben, die strukturellen Reibungspunkte, die Kinderkrankheiten eines noch jungen Systems, das sind Wachstumsschmerzen, die sich mit der Zeit lösen werden. Das Wissenschaftssystem braucht schlicht seine Jahre, um sich einzuspielen, und ich bin zuversichtlich, dass es das tun wird. Was uns allerdings gerade mit voller Wucht trifft, ist die KI-Welle. Und das ist die eigentlich drängende Frage, vor der wir stehen: Wie sichern wir gute wissenschaftliche Praxis im Zeitalter von ChatGPT und seinen Nachfolgern?

Und wie lässt sich das überhaupt dokumentieren?

DW: Nun, selbstverständlich setzen wir, wie die gesamte Wissenschaftswelt, KI und LLMs in der Forschung ein. Ein Doktorand stellte mir kürzlich eine Frage, die mich aufhorchen ließ: „Wenn ich in bestimmten Arbeitsschritten KI verwende, muss ich dann eigentlich auch die Prompts archivieren? Ist die Prompt-Dokumentation gewissermaßen das Äquivalent zur Datenspeicherung?“ Ich hatte keine fertige Antwort. Aber schaden kann es gewiss nicht. Im Zweifel: alles festhalten, was man hat. Das wird vermutlich die nächste große Welle sein, auf die wir zusteuern. Wo wir dabei landen werden, weiß ehrlich gesagt niemand. Aber die Frage, ob Transparenz und Dokumentation in diesem Kontext wichtiger werden, die beantworte ich mit einem klaren, dreifach unterstrichenen Ja. Daran wird die Wissenschaft nicht vorbeikommen.

Reproduzierbarkeit ist dabei natürlich das Stichwort. Ob ein Ergebnis am Ende tatsächlich reproduzierbar ist, selbst bei identischem Prompt – das wird sich noch zeigen müssen. Aber die Richtung ist klar.

DW: Genau. Zumindest Nachvollziehbarkeit. Dass transparent wird, was getan wurde und wie, das ist das Minimum, auf das wir uns verständigen müssen. Bis wir belastbare Antworten haben, wird es noch lange dauern. Aber die Frage stellt sich jetzt, und die Antwort lautet: Ja, mit allem Nachdruck. Es ist höchste Zeit, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.

Vielen Dank!

*Das Interview wurde am 18. Februar 2026 geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Prof. Dr. Daniel Wentzel:

Daniel Wentzel ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der RWTH Aachen. Er schloss sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Marketing, Handel und Wirtschaftspsychologie an der Universität zu Köln ab. Zudem absolvierte er ein Masterstudium an der University of Auckland, Neuseeland. Wentzel wurde 2008 an der Universität St. Gallen promoviert, wo er sich 2010 auch habilitierte. Seine Forschungsgebiete sind Konsumentenverhalten, Akzeptanz und Adoption von Innovationen, Produktdesign sowie Dienstleistungs- und Markenmanagement.

Kontakt: https://www.wiwi.rwth-aachen.de/cms/wirtschaftswissenschaften/Die-Fakultaet/Institute-und-Lehrstuehle/Professuren-WiWi/~bmyg/Wentzel-Daniel/?allou=1

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/danielwentzel/

ResearchGate: https://www.researchgate.net/profile/Daniel-Wentzel-4

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-0170-4435

GitHub: https://github.com/dwentzel/




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