Offene Classrooms ermöglichen inspirierende Lehre

Hannah Trittin-Ulbrich über ihre Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Die offene Ko-Kreation von Lehrinhalten ermöglicht aktuelle Kursinhalte und verschiedenartige Perspektiven zu globalen Krisen – sei es auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Der Peer-to-peer-Austausch in der gemeinsamen Konzeption von offenen Lehrveranstaltungen schafft die Basis für weiteren kollegialen und vertrauenswürdigen Austausch.
  • Die regelmäßige Kommunikation von Forschungsergebnissen erhöht bei Unternehmen nicht nur die Sichtbarkeit des/der Wissenschaftler:in, sondern auch des Themenfeldes. Das Verzahnen von öffentlichen Auftritten und Forschung hat Netzwerkeeffekte für die Arbeit im Feld.
  • Gamifizierte Online-Kurse im Open-Science-Training haben einen Mehrwert für den einzelnen und die einzelne Wissenschaftler:in. Grundsätzlich muss die BWL aber für sich diskutieren, welche Open-Science-Strukturen sie brauchen.

Sie waren beteiligt beim Kurs „Organizing in Times of Crisis“, der mittlerweile einen zweiten Teil hat, und Sie haben zusammen mit der Copenhagen Business School einen Global Classroom konzeptioniert zu „Challenges and Opportunities of Datafication: Interdisciplinary Perspectives“. Welche Erfahrungen haben Sie mit solchen offenen Lehrkonzepten gemacht?  

HT-U: Für mich hat sich eine komplett neue Welt in der Lehre erschlossen. Insbesondere die Kollaboration mit den Kolleg:innen in der Lehre hilft mir sehr, meine eigene Lehre weiter zu entwickeln und zu verbessern. Der erste Kurs 2020 war aus der Not heraus geboren und hat eine gewisse professionelle Kreativität freigesetzt, was sehr bereichernd war. Und der zweite Kurs zu „Organizing in Times of Crisis“ war dann unsere Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine, um darzustellen, was die Organisationsforschung anderen bieten kann. Diese Kollaboration und Kursentwicklung im Open Access zeigt, dass es nicht nur für uns, sondern auch für andere Forscher:innen und Lehrende hilfreich war und ist. Es war uns auch wichtig, zu zeigen, dass unsere Forschung auch applizierbar auf aktuelle Phänomene und Ad-hoc-Krisen ist. Organisations- und Managementforschung kann eben auch viel zu Klarheit beitragen. Der Austausch in den nächsten Wochen wird zeigen, wie es in der Lehre funktioniert, welche Fragen ggf. schwierig sind und was ggf. nachjustiert werden muss. Der Global Classroom hingegen ist ein gefördertes Projekt, das die Leuphana vor der Pandemie eingeworben hat, und da konnte ich meine Erfahrungen aus „Organizing in Times of Crisis“ gut einfließen lassen. Wir haben den Global Classroom zusammen mit der Copenhagen Business School komplett online durchgeführt. Durch die Internationalisierung war dies nochmal eine ganz andere Dimension. Es war sehr spannend, weil es eben internationale Perspektiven zusammengebracht hat.

Hatten die Studierenden aus Lüneburg und Kopenhagen die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen?

HT-U: Es gab ein virtuelles Feedbacktool, bei dem die Studierenden jede Woche eine Arbeitsaufgabe erfüllen und die Antwort (ca. 500 Wörter) dort eingeben mussten. Das war anonymisiert und die Studierenden sollten sich immer zwei Antworten anderer Studierender raussuchen und kommentieren. Das kam sehr gut bei den Studierenden an, weil sie aus unterschiedlichen Perspektiven eine Rückmeldung bekommen haben und so auch in gewisser Weise in den Austausch kamen.

Wurden neben den Lehrvideos, den Syllabi oder den Literaturlisten der Kurse weitere Inhalte geteilt?

HT-U: Bei „Organizing in Times of Crisis“ haben wir auch die Folien zur Verfügung gestellt. Man könnte das Spektrum noch erweitern, indem man zum Beispiel auf nicht proprietäre, offene Dateiformate für die Lehrmaterialien wählt. Beim Land Niedersachsen habe ich jetzt einen Antrag zur Förderung von Open Educational Ressources im Hochschulbereich gestellt. Unsere eigenen Lehrmaterialien für qualitative Forschungsmethoden wollen wir auf der Twillo Plattform offen zur Verfügung stellen. Sowohl bei „Organizing in Times of Crisis“ als auch bei „Datafication“ wird über den Lehralltag gebloggt, um unsere Erfahrungen mit den Studierenden zu teilen und das Ganze transparent zu machen. So wird auch sichtbar, dass es Leute gibt, die das anwenden.

Wie ist die Resonanz in Ihrer Peergroup auf Ihre Aktivitäten?

HT-U: Ich bin in tolle Netzwerke eingebunden, in denen viele meiner Peers auch selbst an den Kursen beteiligt sind. Generell ist das Feedback sehr gut, aber ich glaube, es findet nicht ganz so viel Wertschätzung außerhalb meiner Bubble. Für Berufungsverfahren ist ein Lehrpreis generell gut und wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, ist aber nicht ausschlaggebend für eine professorale Karriere. Ich hoffe, dass alle Bewegungen zur mehr Offenheit auch zeigen können, wie vielfältig Professuren ausgestaltet werden können und dass der Wissenschaftsbetrieb dementsprechend auch bald andere Erfolgsmetriken ansetzt. Innovative Lehrkonzepte verhelfen Institutionen zu mehr Sichtbarkeit. Insofern wäre es schön, wenn solche Projekte mehr wertgeschätzt würden. Aber ich möchte auch hervorheben, dass mich der Peer-Austausch auch sehr bereichert hat und daraus auch neue gemeinsame Forschungsvorhaben entstanden sind.

Sie stellen sich auch ethischen Fragen im Kontext der Digitalisierung und der digitalen Transformation. In welchem Ausmaß werden ethische Fragen, beispielsweise der Nachhaltigkeit, in der BWL auch im Zusammenhang mit Open Science diskutiert?

HT-U: Die BWL ist nicht einheitlich, es gibt so viele Subgruppen und Communities of Practice, die alle ihren eigenen Forschungsduktus haben. Daher kann es meiner Meinung nach keine übergreifende Debatte geben, weil sich Forschungs- und Erhebungsmethoden sehr unterscheiden. Für mich als qualitative Forscherin mit relativ kleinen Datensätzen stellen sich ganz andere Fragen als für die quantitativ Forschenden. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob es etwas bringen würde, wenn alle über das große Ganze diskutierten, weil wir alle unterschiedliche Diskurse führen.

Sie veröffentlichen viel im Open Access: Haben Sie durch Ihre Offenheit konkrete Vorteile erlebt?

HT-U: Ich weiß meist nicht, wie die Leute zu mir kommen. Aber die stetige Kommunikation über die sozialen Medien zu meiner Arbeit führt zu einer größeren Sichtbarkeit meiner Person auch bei Unternehmen. Auch das Thema Corporate Digital Responsibility wird bei den Unternehmen so sichtbarer. Also was macht Digitalisierung mit unternehmerischer Verantwortung? Es gab schon Anfragen für Keynotes und öffentliche Auftritte. Und ich merke auch, dass Kolleg:innen durch mein Open-Access-Publizieren meine Artikel zitieren. Das ist karrieretechnisch natürlich auch ganz sinnvoll. Es sind auf jeden Fall schon spannende Interaktionen und Einladungen zustande gekommen. Und dies macht meine Arbeit durchaus reicher.

Wenn Sie auf Unternehmensveranstaltungen Keynotes oder Vorträge halten, hat es Ihnen mehr Sichtbarkeit in Ihrem Feld gebracht?

HT-U: Das zunehmende Verzahnen meiner öffentlichen Auftritte und meiner Forschung ist deutlich einfacher geworden. Ich habe mir ein Standing in der Community erarbeitet und das ist bei den Unternehmen definitiv ein Türöffner. Wir hatten hier beispielsweise ein Projekt zur Digitalisierung und Nachhaltigkeit. In diesem Kontext habe ich einen Workshop mit acht Praktiker:innen organisiert. Darüber haben wir dann einen Praxisbeitrag geschrieben, auf den ich dann sehr gut verweisen konnte. Und das habe ich dann genutzt, um eine ganze Interview-Welle anzuschließen. Meine Interview-Partner:innen sehen dann, dass ich das Thema schon erkundet habe und sie mir vertrauen können. Das gab definitiv Netzwerkeffekte.

Würden Sie sagen, dass Sie durch Ihre offene Kommunikation, Ihre Gastartikel etc. für Tageszeitungen die Wissenschaftlichkeit der BWL aufzeigen und somit dem Fach BWL auch einen Dienst erweisen?

HT-U: Gemeinsam mit Ali Aslan Gümüsay, Emilio Marti und Christopher Wickert habe ich 2018 das DFG-Netzwerk „Grand Challenges & New Forms of Organizing” ins Leben gerufen. Ein Aspekt war es, über unsere eigene Forschung im Rahmen von Grand Challenges zu reflektieren. Da haben wir sehr viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben: eigene Website, regelmäßige Posts, eigener Twitter-Kanal etc. Das wurde dann im Abschlussbericht auch sehr positiv von der DFG bewertet. Unser Netzwerk hat laut DFG dazu beigetragen, zu zeigen, dass unsere Forschung sehr wichtig ist, eben auch weil wir das so öffentlich gezeigt haben.

Was machen Sie genau an Wissenschaftskommunikation? Und was war aus Ihrer Sicht besonders erfolgreich für Sie selbst?

HT-U: Was mit Abstand am meisten gebracht hat, war mein Gastbeitrag bei der Süddeutschen Zeitung. Die großen Medien helfen ungemein: Ich wurde zu Gastvorträgen eingeladen, und es wurde sehr positiv von der Hochschulleitung wahrgenommen. Ansonsten, auch wenn es gerade etwas weniger geworden ist, da ich gerade verschieden Forschungsprojekte zum Abschluss bringe, mache ich gerne Praktikerbeiträge. Vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz wurde ich zu einer Podiumsdiskussion zu „Corporate Digital Responsibilty“ eingeladen. So etwas hat für mich eine große Reichweite. Mit Twitter tue ich mich etwas schwer. Ich nutze es, aber ich bin da definitiv kein Top User, denn Twitter hat für mich eine toxische Komponente. In meiner Community werden da meistens berufliche Erfolge gefeiert – das führt bei mir häufig zu Stress aufgrund des konstanten Vergleichs mit anderen. Generell ist Twitter aber ein gutes Medium, um sich auch mit Top-Forscher:innen bekannt zu machen, auf die man sonst vielleicht eher nicht den Zugriff hat oder neue Studien zu finden. Bei LinkedIn finde ich sehr schön, dass ich dort freier mit längeren Texten kommunizieren kann. Beides sind Plattformen, die ich zur Kommunikation nutze und dann noch die Blogs meiner Webseiten.

Sie beschäftigen sich auch mit Gamification, welche Rolle kann das beim Open-Science-Training spielen?

HT-U: Gamification wäre auf jeden Fall sehr hilfreich dafür. Ich befasse mich mit dem Thema ja bereits länger in meiner Forschung und ich leite an der Leuphana Universität auch ein Lehr-Projekt, in dem wir Spiele und Szenarien für den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Technologien in Organisationen entwickeln. Ideal wäre eine Art Onlinekurs, wo man verschiedene Szenarien für das Open-Science-Training durchspielen könnte. Das hätte meiner Meinung nach einen Mehrwert, kann aber nur ein weiterer Bestandteil einer größeren Debatte sein, die wir als Fach führen müssen. Den Einzelnen zu schulen ist natürlich wichtig, aber wir müssen uns auch als Community klarer darüber werden, was wollen und was brauchen wir eigentlich.

Schauen Sie auch, was die Psychologie macht? Die Replikationskrise vor ein paar Jahren hat dem Fach einen riesigen Schub gegeben. Wird in der BWL diskutiert, wie glaubwürdig die Forschung im eigenen Fach ist?

HT-U: Wir müssen auf jeden Fall mehr über Qualitätskriterien sprechen, es gibt schon eine Debatte für qualitative Forschungsmethoden und es gibt auch Arbeiten dazu. Aber das ist leider eine eher verhaltene Debatte. Da müsste man meiner Meinung nach ansetzen. Ich sehe noch nicht, dass die Politik der DFG beispielsweise bei uns im Fach zu Debatten führt.

Wie schätzen Sie die zukünftige Bedeutung von Open Science auf Basis Ihrer Erfahrungen ein?

HT-U: Wenn man den Ansprüchen des Faches genügen will und DFG-Drittmittel bekommen möchte, dann wird man zwangsläufig dahin geführt. Anfangs mag das etwas mehr Open Washing sein, wie beim Thema Nachhaltigkeit, aber irgendwann kommt man um das Thema nicht mehr herum, weil auch die Daumenschrauben von den großen Forschungsfördern, enger gestellt werden. Nachwuchswissenschaftler:innen muss man sowohl mit Trainings als auch mit der tatsächlichen Umsetzung helfen. Das ist ein Punkt, der an den Universitäten noch nicht so optimal läuft. Es kann keine Lösung sein, alles auf die Schultern einzelner Forschender abzuwälzen.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich

Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich ist Juniorprofessorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsethik an der Leuphana Universität Lüneburg. 2020/2021 war sie Fellow der Schöller Stiftung, die ihr Forschungsvorhaben „Ethik-Management im Digitalen Zeitalter“ gefördert hat. 2018/2019 war sie Research Fellow an der Copenhagen Business School, Dänemark.
Ihre Forschungsinteressen umfassen die Themen Corporate Social Responsibility (CSR), die Rolle von Kommunikation im Kontext von CSR, Corporate Digital Responsibility, neue Formen der Arbeit und des Organisierens sowie Change Agents for Sustainability.
Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrichs Arbeiten wurden unter anderem in den Fachzeitschriften Journal of Management Studies, Organization, Journal of Management Inquiry, Journal of Business Ethics und Creativity and Innovation Management publiziert. Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich war bzw. ist zudem Gastherausgeberin bei den Fachzeitschriften Organization, Business & Society, sowie Business Ethics, the Environment and Responsibility.
2022 wird Hannah Trittin-Ulbrich die internationale „6th CSR Communication Conference“ an der Leuphana Universität hosten.

Kontakt: https://www.leuphana.de/institute/imo/personen/hannah-trittin-ulbrich.html

ORCID-ID: 0000-0002-9501-0003

Twitter: https://twitter.com/hatrittin?lang=de

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dr-hannah-trittin-ulbrich-652a4642/

ResearchGate: https://www.researchgate.net/profile/Hannah-Trittin-Ulbrich




Zurück zum Open-Science-Magazin