Offenheit erleichtert die Drittmittelakquise

Prof. Dr. Leonhard Dobusch über seine Open-Science-Erfahrungen

Manfred Werner (Tsui), CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Open Science ist auch ein Werkzeug für wissenschaftliche Ausbildung
  • Open-Science-Praktiken zahlen auf die Reputation ein
  • Offenheit verbessert die Qualität der Arbeiten


Herr Prof. Dobusch, warum halten Sie Open Science für wichtig?

LD: Ich forsche ich seit Längerem zu sozialer Offenheit in der ganzen Breite, dabei interessieren mich auch die Themen Open Access und Open Educational Resources. Open Science ist für mich dabei ein Werkzeug für wissenschaftliche Ausbildung, für Nachwuchsforschung. Mein Lieblingsbeispiel ist hier die Reinhart-Rogoff-Studie von 2010 zur Staatsverschuldung. Das Paper wurde auf beiden Seiten des Atlantiks ständig in Policy-Empfehlungen referenziert – dabei enthielt es tatsächlich Fehler in den Berechnungen. Diese Fehler kamen nur ans Licht, weil ein US-Student die Studie im Rahmen eines Kurses replizieren wollte und – nachdem es ihm nicht gelang – Reinhart und Rogoff um die Rohdaten bat. Es war zwar ein Working Paper, aber wenn wir jetzt den ganz schnellen Sprung machen zu Corona, dann merken wir ja, dass die Working Paper heute von großer Bedeutung sind, gerade wenn der Inhalt aktuell ist. Umso wichtiger ist es, dass nicht nur die Paper, sondern auch die Rohdaten veröffentlicht werden.


Müssen in Ihren Augen auch die Begutachtungsverfahren offener werden?

LD: Ich denke schon, dass es einen Trend geben wird in diese Richtung. Nature hat in einer Studie verschiedene Wege der Anonymisierung im Rahmen von Peer Reviews verglichen. Dabei zeigte sich, dass die Gutachten teilweise weniger kritisch ausfallen, wenn die Namen der Gutachter:innen offengelegt werden. Eine Veröffentlichung der Gutachten selbst hatte hingegen kaum Auswirkungen auf deren Qualität, das ist also möglich. Und ich denke, es muss auch eine Antwort sein auf Open Access. Der Siegeszug von Open Access im Journalbereich hat ja dazu geführt, dass es neue Formen der Finanzierung gibt – weg vom Subskriptionsmodell hin zu APCs. Und daraus ist eine neue, eigentlich betrügerische Publikationspraxis entstanden, nämlich das sogenannte Predatory Publishing. Angeblich werden bei diesem Geschäftsmodell Peer Reviews durchgeführt, doch im Grunde wird alles veröffentlicht, solange die APC bezahlt wird. Das nachzuweisen ist aber nicht einfach, weil der Peer-Review-Prozess komplett intransparent ist. Open-Peer-Review wäre somit einerseits eine Reaktion auf diese betrügerischen Publikationspraktiken, und andererseits wäre damit auch eine Qualitätssteigerung des Begutachtungsverfahren verbunden. Ich selbst stelle die Volltexte meiner Reviews bei Publons ein und veröffentliche sie teilweise dann auch, wenn die Beiträge erschienen sind.


Haben Sie selbst Erfahrungen mit Open-Peer-Reviews gemacht?

LD: Gemeinsam mit meinem Kollegen Maximilian Heimstädt habe ich die Studie „Predatory Publishing in management research“ angefertigt. Unsere These war: Open Peer Review hilft gegen „Predatory Publishing“. Bei dem Thema lag es auf der Hand, dass auch wir die Reviews unseres Beitrags veröffentlichen. Leider gab es jedoch Bedenken beim Verlag. Gemeinsam mit Kollegen bin ich aber gerade dabei, ein Themenheft zum Thema Transparenz zu entwickeln, das wir nicht nur als Gastherausgeber betreuen, sondern auch mit einem Open-Peer-Review-Format durchführen möchten. Diese Idee ist allerdings recht neu und wir müssen schauen, ob wir Journal-Herausgeber:innen und Verlage davon überzeugen können.


Wie reagiert die Community auf solche Aktivitäten?

LD: In meinen Augen gibt es derzeit Open-Science-Pionier:innen – und die profitieren davon, dass sie Pionier:innen sind. Ganz grundsätzlich wird anerkannt, dass mehr Transparenz hinsichtlich Datenbasis und Forschungspraxis wünschenswert wäre. Aber es ist natürlich auch ein Mehraufwand, einen Datensatz so aufzubereiten, dass ihn alle verstehen können. Dennoch lohnt es sich, denn so werde ich auf Fehler kommen, die ich sonst nicht entdeckt hätte – und das verbessert die Qualität meiner Arbeiten. Hinzu kommt: Die Sichtbarkeit von allem, was frei zugänglich ist, ist höher – das wissen wir auch aus zahlreichen Studien. Open-Access-Paper werden mehr zitiert. Dasselbe gilt für Paper, die als Preprint verfügbar sind. Ich beobachte zudem, dass zunehmend die Datensätze verlangt werden – von Top-Journals ebenso wie von Drittmittel-Gebern. Mir selbst wurde kürzlich ein Drittmittel-Projekt vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) bewilligt – dafür musste ich zunächst einen Data-Management-Plan einreichen.


Auch in der Lehre gehen Sie mit dem Thema Offenheit voran.

LD: Ja, das habe ich zweimal in meinem Leben getan, und beide Male hat es sich sehr ausgezahlt. Das erste Mal war eine Lehrveranstaltung im Jahr 2016 zu organisationaler Offenheit. Ich fand es nur sinnvoll, auch die Veranstaltung selbst anhand eines Wikis offen zu gestalten. Den zweiten Kurs „Organizing in Times of Crisis: The Case of Covid-19“ habe ich im März 2020 im ersten Lockdown gemeinsam mit der Kollegin Elke Schüßler an der Universität Linz entwickelt und mit sechs Kolleg:innen aus Deutschland umgesetzt. Wir vermitteln allgemeine theoretische Konzepte zu Krisenmanagement und gleichzeitig haben die Studierenden die Aufgabe, das theoretisch Gelernte auf die aktuelle Situation anzuwenden. Offenheit bedeutet hier: Es gibt eine Website mit einem Blog und YouTube-Videos, die die Veranstaltung begleiten. Der gesamte Syllabus und alle Folien sind auf der Webseite und offene Lizenzen laden dazu ein, den Kurs zu adaptieren. Wie gesagt, in beiden Fällen hat sich die Offenheit für mich ausgezahlt: Beim ersten Kurs war ich noch als Juniorprofessor an der FU Berlin. Das war meine Lehr-Visitenkarte bei jedem Berufungsvortrag. Als ich den zweiten Kurs aufgesetzt habe, hatte ich schon meinen Ruf. Dennoch hat auch er meine Sichtbarkeit erhöht: Ich habe den Lehrpreis der Uni bekommen und wir haben als Team den „Ideas Worth Teaching Award“ des Aspen Institute bekommen, den bekommen sonst vor allem US-Business-Schools. Sichtbarkeit, Reputation, das ist die Währung im Wissenschaftsbetrieb – und Open Science ist etwas, was meiner Meinung nach hier einzahlt.


Über Prof. Dr. Leonhard Dobusch

Leonhard Dobusch forscht als Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Organisation an der Universität Innsbruck, u.a. zu organisationaler Offenheit und dem Management digitaler Gemeinschaften. Sein Online-Kurs „Organizing in Times of Crisis: The Case of Covid-19” wurde 2020 mit dem renommierten „Ideas Worth Teaching Award“ des US-amerikanischen Think Tanks „Aspen Institute“ ausgezeichnet. Er bloggt regelmäßig bei netzpolitik.org, ist Mitglied des ZDF-Fernsehrats und Herausgeber mehrerer Bücher zu Themen des digitalen Wandels.


Kontakt: https://www.uibk.ac.at/iol/organisation/team/leonhard-dobusch/index.html.de

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-5448-4683

Twitter: https://twitter.com/leonidobusch




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