Open Science ist ein Motor für gesellschaftliche Veränderungen

Prof. Dr. Elke Schüßler über ihre Open-Science-Erfahrungen

© Foto: Robert Maybach

Die drei wesentlichen Learnings:

  • In Verbundprojekten ist es wichtig, frühzeitig das Datenmanagement zu thematisieren und Standards für die Datenablage zu definieren. Zudem ist es wesentlich, Verantwortlichkeiten und einen Prozess für den Umgang mit Forschungsdaten festzulegen.
  • Je früher man festlegt, was man gemeinsam erheben und auswerten möchte, desto eher ist sichergestellt, dass das Teilen am Ende auch klappt.
  • Open Science ist wichtig, wenn man gesellschaftlich etwas verändern und durch Wissenschaft Impulse setzen will.

Wie sind Sie generell zum Thema Open Science gekommen?

ES: Man muss ja die verschiedenen Aspekte von Open Science unterscheiden. Also das eine ist das Publizieren im Open Access. Das habe ich verstanden, als ich das Wissenschaftssystem selbst besser verstanden habe und auch, wie wichtig es ist, selbst sichtbar zu sein und zitiert zu werden. Das war mir alles als Doktorandin nicht so klar. Nach der Dissertation ging es erstmal darum, selbst zu veröffentlichen und weniger darum, dass die Inhalte dann auch noch von anderen rezipiert werden. Das Ganze habe ich in meiner späten Postdoc-Zeit verstanden. Das Thema Open Data spielt natürlich eine Rolle in Forschungsverbünden, in denen ich ja auch gewirkt habe. Hier muss dann innerhalb des Forschungsverbundes ein Abkommen getroffen werden, wem die Daten gehören. Wer hat Zugriff auf die Daten? Wer darf sie wie nutzen? Also das ist für mich in den letzten vier Jahren sehr relevant geworden, in denen ich stärker in großen Verbünden gearbeitet habe.  

Wie haben Sie das Data Sharing in Ihrer interdisziplinären Arbeit in Forschungsverbünden gemanagt?

ES: Ich habe vor allem in Verbünden mit anderen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler:innen zusammengearbeitet. Wir haben uns zu Beginn zusammengesetzt und überlegt, welche Infrastruktur wir nutzen wollen. Das war zunächst das Wichtigste. Wir haben uns in einem Projekt für die Lernplattform Blackboard entschieden, also für ein geschütztes System. Geschützt, weil wir eben qualitativ forschen und somit auch Anonymitätszusagen geben. Es wurde sehr viel darüber diskutiert, wie wir das überhaupt sicherstellen können. In einem anderen Projekt haben wir File-Sharing-Dienste genutzt, aber nicht für sensible Inhalte. Hier müssten die Universitäten viel mehr tun, um Cloud-Systeme aufzusetzen, die dann auch unkompliziert universitätsübergreifend genutzt werden können.

Haben Sie nach Ihren Erfahrungen Tipps für andere Wissenschaftler:innen?

ES: Ganz wichtig ist meiner Meinung nach, sehr frühzeitig über das Datenmanagement zu sprechen und sich im Projektteam einen Standard zu überlegen, mit dem jede:r arbeitet. Es ist ganz wichtig, dafür Verantwortlichkeiten zu definieren und einen Prozess aufzusetzen. Da es in den Sozialwissenschaften noch nicht gängige Praxis ist, passiert das nicht automatisch. Für Interviewtranskripte empfehle ich klare Vorgaben für die Dateibenennung, die anonymisiert ist, aber den Interviewtyp deutlich macht und dann via Codesystem, das separat abgelegt wird, den befragten Personen zugeordnet werden kann. Das hat bei uns gut funktioniert. Je früher man festlegt, was man gemeinsam erheben und auswerten möchte, desto eher ist sichergestellt, dass man das am Ende auch hat. Das ist der wichtigste Tipp: früh zu reflektieren, was man teilen und gemeinsam auswerten möchte und dann entsprechende Prozesse zu definieren.

Wie sehen Sie das Thema Anreize bei Data Sharing?

ES: Anreize generell stehen manchmal auch im Weg. Bei uns Wirtschaftsforschenden zum Beispiel ist es auch so, anders als in den Naturwissenschaften, dass eine hohe Zahl von Co-Autorenschaften in der Leistungsbewertung sanktioniert wird. Also je mehr Co-Autor:innen auf dem Papier stehen, desto weniger ist es „wert“. Und hier wäre es natürlich eine ganz einfache Lösung, zu entscheiden, dass alle Veröffentlichungen aus einem Projekt mit beispielsweise zehn bis zwölf Forschenden eben Teamveröffentlichungen sind – so wie das ja auch in den Naturwissenschaften praktiziert wird. Das ist in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aber schwierig, weil die Nachwuchswissenschaftler: innen mit solchen Publikationen keine Karriere machen könnten. Und das ist natürlich dann wieder so ein ganz wichtiger systemischer Anreizfaktor, der dem Teilen im Wege steht. Wenn man dann sagt, wir sind ein Team und erheben Daten zusammen, können aber nur in kleinen Teams publizieren, dann muss es natürlich Regeln geben. Es kann nicht sein, dass die schnellsten Leute aus dem Team – oft dann die mit der geringeren Lehr- und Verwaltungsbelastung – die besten Artikel publizieren. Man kann es natürlich auch über die Bildung von Teilprojekten lösen, die dann unabhängig voneinander publizieren. Allerdings ging es in meinem Projekt darum, integrativ und gemeinsam zu arbeiten. Und genau an dem Punkt entstehen damit Reibungspunkte, mit denen man umgehen muss.

Welche konkreten Vorteile sehen Sie in Open Science für sich selbst?

ES: Je mehr ich das wissenschaftliche Publikationssystem bzw. den Publikationsmarkt verstanden habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es einfach nicht richtig ist, wie das Verlagsmodell derzeit läuft. Open Science finde ich wichtig, wenn man gesellschaftlich etwas verändern und durch Wissenschaft auch Impulse setzen will. Open Science ist für mich ein Motor für gesellschaftliche Veränderungen. Für die individuelle Karriere erkenne ich einen gewissen Impact durch Wissenschaftskommunikation. Ein Beispiel: Mein Projekt, wo es um Arbeitsstandards in der Bekleidungsindustrie seit Rana Plaza ging, ist für die aktuellen Debatten rund um ein Lieferkettengesetz für Politik und Öffentlichkeit relevant. Ich habe Zeitungsartikel geschrieben, beispielsweise für die Süddeutsche Zeitung, und bin zu Panels eingeladen worden. Dadurch haben sich jetzt auch schon wieder neue Kooperationen ergeben. Ich finde es wichtig, dass die Wissenschaft auch gesellschaftlich relevant ist. Es fließt so viel Arbeit in die Forschung, es wäre ja absurd, wenn das dann nur für ein paar Personen relevant wäre, die meine Artikel in Top Journals lesen. Ich forsche ja auch zu gesellschaftlich relevanten Themen, bin besorgt über den Klimawandel, Ungleichheit und Ausbeutung. Und wenn ich zu diesen Fragen auch nur den kleinsten Beitrag leisten kann, dann möchte ich das auch tun.

Aus Sicht einer Transformationswissenschaftlerin: Wie transformiert sich eigentlich gerade die BWL? Und welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

ES: Die BWL ist eine der Disziplinen, die selbst ganz stark durchökonomisiert ist. Impactfactor, Reputationsmechanismen und Journal Rankings sind extrem wichtig. Diese Mechanismen erhalten das aktuelle Publikations- und Verlagssystem aufrecht. Da ist der potenzielle Pfadbruch, den es durch die Digitalisierung geben könnte, nicht sichtbar. Man muss einfach in den Top Journals drin sein, und die werden häufig von proprietären Verlagen veröffentlicht. Durch Plattformen wie Google Scholar oder ResearchGate, die gleich einen Impact- Score ausrechnen, werden diese Reputationsmechanismen eher noch verschärft. Das hat aber alles nichts mit Offenheit zu tun. Darüber hinaus sind durch die Digitalisierung gerade im Bereich Wissenschaftskommunikation noch einmal neue Anforderungen dazugekommen. Jetzt wird erwartet, dass man auf Twitter aktiv ist und am besten noch einen Blog hat und so nicht nur einen wissenschaftlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen „Impact“ hat. Natürlich wird auch dieser in manchen Ländern bereits vermessen.

Braucht es die Stimmen aus der Professorenschaft, die laut artikulieren, was nicht stimmt. Oder macht jede:r für sich immer weiter, auch die nächsten 50 Jahre?

ES: Ja, es braucht sicherlich laute Stimmen. Es gibt ja auch Initiativen, um den Nachwuchs für Open Science zu sensibilisieren. Gleichzeitig kann gerade der Nachwuchs am wenigsten das System verändern, weil er so abhängig ist. Beim Young Researchers Workshop des Momentum-Kongresses haben wir immer eine Einheit zu Open Access mit drin, um zu erklären, wie es funktioniert und wie man selber verschiedene Open-Access-Pfade nutzen kann. Auch in der Doktorandenausbildung ist Open Access verstärkt ein Thema. Hier gibt es schon viel Selbstreflexion. Es gibt auch einen Problemdruck, weil einfach zu viele Papiere im Umlauf sind, die begutachtet werden müssen. Alle sind furchtbar überlastet. Das ist natürlich ein Boden, auf dem man das System einmal kritisch betrachten könnte. Die meisten von uns erfüllen ihre Aufgaben als Herausgeber:innen und Gutachter:innen ehrenamtlich, üblicherweise spät in der Nacht oder am Wochenende, die Steuerzahlenden finanzieren die Forschung, und die Verlage, die sehr wenig zur Wertschöpfung beitragen, streichen das Geld ein. So kann es nicht weitergehen. Solange es diese Reputationsmechanismen gibt, ist es sehr schwer, bottom-up das System zu ändern. Fördergeber und Forschungsinstitutionen, auch die Universitäten selbst, sind die machtvolleren Akteure, die zu einem solchen Pfadbruch beitragen können.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Prof. Dr. Elke Schüßler

Elke Schüßler ist seit 2016 Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Vorständin des Instituts für Organisation an der Johannes Kepler Universität Linz. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Globalisierung, dem Klimawandel, der menschenwürdigen Arbeit und der Digitalisierung, jüngst insbesondere im Kontext der Plattformökonomie. Ihre Forschung ist stark durch vielfältige Kooperationen mit angrenzenden Disziplinen wie der Wirtschaftsgeographie, Wirtschaftsgeschichte, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft oder Development Studies geprägt. Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Momentum Instituts und hat das „Digital Economy“ Netzwerk der Society for the Advancement for Socio-Economics mitgegründet. Elke Schüßler ist Programmdirektorin des MSc Leading Innovative Organizations an der Johannes Kepler Universität sowie Akademische Leiterin des MBA Digital Transformation and Change Management an der LIMAK Austrian Business School and des MBA Management und Leadership für Frauen an der JKU. Die Arbeit von Elke Schüßler wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem LERA 2021 James G. Scoville Best International/Comparative Industrial Relations Paper Award

Kontakt: https://www.jku.at/institut-fuer-organisation/ueber-uns/team/profin-drin-elke-schuessler

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-7505-4148

Twitter: @ElkeSchuessler

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/elke-schuessler-01a488a/




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