Open Science wirkt, wenn Neugier der Antrieb ist
Martin Binder über seine Open-Science-Erfahrungen

Bild: © Körber-Stiftung/David Ausserhofer
Die drei wesentlichen Learnings:
- Open Science ist kein Alles-oder-nichts-Ansatz, sondern ein schrittweiser Lernprozess. Open-Science-Praktiken lassen sich nicht in jedem Projekt vollständig anwenden. Es geht eher darum, jeweils zu prüfen, was realistisch ist, sei es Datenbereitstellung, Präregistrierung oder saubere Dokumentation. Das entlastet und macht die Umsetzung handhabbar.
- Der Nutzen von Open Science hängt vom eigenen Mindset ab. Wer Transparenz als Chance für Lernen, Austausch und belastbarere Ergebnisse sieht, erlebt sie als bereichernd.
- Intrinsische Motivation trägt langfristig stabiler als strategische Orientierung an Publikationsanreizen. Wer aus echtem Erkenntnisinteresse forscht, erlebt offene Praktiken wie Präregistrierung oder transparente Dokumentation eher als Unterstützung, weil sie helfen, das eigene wissenschaftliche Produkt zu verbessern. Wer Forschung dagegen primär als Karrierespiel versteht, sieht Open Science häufiger als Hürde.
Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Open Science gemacht?
MB: Die Erfahrungen sind vielfältig und hängen stark vom jeweiligen Bereich ab. Eine Entwicklung sehe ich in der Bereitstellung von Daten. Das gewinnt seit einigen Jahren an Bedeutung. Fachzeitschriften fordern dies zunehmend. Zugleich möchten viele Forschende ihre Datensätze selbst zugänglich machen. Ich versuche das ebenfalls, sofern die rechtlichen Bedingungen es erlauben. Wenn möglich, lade ich die Daten auf Plattformen wie OSF hoch. Bei der Präregistrierung tun wir uns in der VWL dagegen noch etwas schwer. Das Verfahren setzt voraus, dass Hypothesen vor der Datenanalyse festgelegt werden. Das ist in meinem Arbeitsfeld nicht immer praktikabel: In der Glücksforschung arbeite ich zum Beispiel häufig mit großen Haushalts-Panel-Datensätzen, die jährlich aktualisiert werden und etwa vom DIW bereitgestellt werden. Dort ist eine echte Präregistrierung kaum möglich, weil die Datensätze bereits vorliegen und man nicht glaubhaft erklären kann, sie noch nicht eingesehen zu haben.
Wie hat sich Ihr eigener Umgang mit Open-Science-Praktiken im Laufe der Zeit verändert?
MB: Ich befasse mich seit einigen Jahren intensiver mit Open-Science-Praktiken. Ich halte die Grundideen von Open Science für sehr überzeugend und sehe darin einen wichtigen Fortschritt. Gerade die Veröffentlichung nicht-signifikanter Befunde ist aus meiner Sicht zentral. Präregistrierung bietet dafür einen geeigneten Rahmen. Wenn ein Experiment vorab registriert und idealerweise bereits begutachtet wird, kann ein Journal eine Veröffentlichung zusagen, bevor Daten überhaupt erhoben werden. Die Anreizstruktur verändert sich damit deutlich: Die saubere Methodik steht im Vordergrund, unabhängig davon, ob Ergebnisse erwartungskonform ausfallen oder nicht. Die konkrete Umsetzung entwickelt sich bei mir hier schrittweise. Erst allmählich bin ich stärker für die Bedeutung der Datenverfügbarkeit sensibilisiert worden. Gemeinsam mit Co-Autor:innen planen wir inzwischen Experimente, die wir präregistrieren möchten. Das ist ein Ansatz, den wir früher nicht verfolgt haben. Die Datensätze, an denen ich derzeit arbeite, stammen teilweise noch aus 2017. Damals spielte Präregistrierung in unserem Feld noch kaum eine Rolle. Der Prozess ist daher eher fortlaufend: Was sich im nächsten Projekt umsetzen lässt, wird ausprobiert. Wo es rechtliche oder organisatorische Einschränkungen gibt, stößt man an Grenzen. Ein Beispiel sind neuere Daten, die wir in Kooperation mit einer deutschen Stadt erhoben haben. Die zuständige Statistikbehörde erlaubt die Nutzung, untersagt aber eine Veröffentlichung. In solchen Fällen bleibt wenig Handlungsspielraum. Man wägt ab, wie viel Energie man in Abstimmungen steckt, und akzeptiert mitunter, dass eine offene Bereitstellung aus bürokratischen Gründen nicht möglich ist. So entsteht ein schrittweiser Lernprozess, bei dem man je nach Projektumfang und Rahmenbedingungen entscheidet, welche Open-Science-Elemente realisierbar sind.
Eine Frage an Sie als Glücksforscher und Experten für Arbeitszufriedenheit: Viele sehen in Open Science auch eine Intensivierung der Zusammenarbeit unter Kolleg:innen. Wer präregistriert, Daten teilt oder Projektergebnisse frühzeitig präsentiert, eröffnet Raum für Feedback im Entstehungsprozess. Im besten Fall entsteht daraus fachlicher Gewinn oder sogar neue Zusammenarbeit. Inwiefern lässt sich dieser mögliche Zugewinn an Kollaboration mit Arbeitszufriedenheit in Verbindung bringen?
MB: Das berührt unmittelbar das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. Wenn Forschende Open Science als Chance sehen, enger mit anderen zusammenzuarbeiten und sich fachlich weiterzuentwickeln, kann das sowohl die soziale als auch die Kompetenzdimension stärken. Wer aus eigenem Antrieb heraus offen arbeitet, Fehler als normalen Bestandteil wissenschaftlicher Praxis versteht und Rückmeldungen als Ressource betrachtet, kann darin einen spürbaren Gewinn erleben. Allerdings hängt das stark von der eigenen Haltung zu Open Science ab. Es gibt nicht nur die positive Sicht. In der Vergangenheit wurde Open Science von einigen auch als Bedrohung wahrgenommen, als Risiko, angreifbarer zu werden oder als Angriff auf etablierte wissenschaftliche Rollen. Gerade im Kontext der Replikationskrise in der Psychologie gab es deutliche Kritik und etablierte Forschende haben wissenschaftlichen Nachwuchs der solche Prinzipien der Open Science propagiert als „Stasi“ und „Replikationspolizei“ verunglimpft. Deshalb würde ich sagen: Open Science kann Arbeitszufriedenheit fördern, wenn die Prinzipien als sinnvoll und unterstützend erlebt werden. Für diejenigen, die sie als Belastung oder Eingriff in die eigene Arbeitsweise sehen, oder gar als Angriff auf die eigene Reputation fürchten, entsteht dieser Effekt nicht. Manche gewinnen erst dann eine positivere Perspektive, wenn sie praktische Erfahrungen sammeln. Grundsätzlich existieren also beide Seiten: Potenziale zur Bedürfnisbefriedigung und damit zu mehr Zufriedenheit, aber auch Widerstände, die das Gegenteil bewirken können.
Viele Forschende starten aus Neugier und Idealismus in die Wissenschaft, erleben später jedoch starken Publikations- und Wettbewerbsdruck. Wie wirkt sich dieser Wandel vom wissens- zum karriereorientierten Arbeiten auf die Arbeitszufriedenheit aus?
MB: Aus Sicht der Glücksforschung lässt sich das nur bedingt eindeutig beantworten, weil hier mehrere Ebenen zusammenkommen. Wissenschaft wird gesellschaftlich nicht primär betrieben, um individuelles Wohlbefinden der Forschenden zu maximieren, sondern um Wissen für die Gesellschaft zu erzeugen. Ein gewisses Maß an Wettbewerb kann diesen Zweck unterstützen. Ohne Leistungsanreize bestünde die Gefahr, dass Ressourcen ineffizient genutzt werden. Als Ökonom würde ich sagen: Wettbewerb kann produktiv sein, wenn er gut gestaltet ist. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, dass Wissenschaftler:innen auch persönlich zufrieden arbeiten können. Rankings, Publikationsdruck und enge Leistungsanforderungen haben jedoch Schattenseiten. Ein klassisches Gegenbeispiel ist der Philosoph John Rawls, der über Jahre ohne Publikationszwang arbeiten konnte und erst danach sein grundlegendes Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ veröffentlicht hat. Unter heutigen Bedingungen wäre ein solcher Weg kaum möglich.
Für den Nachwuchs bedeutet das starke externe Anreize und erheblichen Druck. Aus motivationspsychologischer Sicht ist das problematisch. Wer primär extrinsisch motiviert ist und sich stark über externe Bewertung definiert, erzielt möglicherweise kurzfristige Zufriedenheit durch Anerkennung und Vergleich, doch diese Form der Zufriedenheit ist wenig stabil. Intrinsische Motivation, also das Interesse an einem Thema, die Freude am Erkenntnisgewinn, wirkt nachhaltiger. Insofern kann das gegenwärtige System die Zufriedenheit mindern, und viele berichten das auch im persönlichen Austausch. Auch eine Studie zur Zufriedenheit von Professor:innen hat gerade gezeigt, dass die Zufriedenheit da deutlich höher ist, wo man autonomer und intrinsisch motivierter arbeiten kann: nämlich wenn man berufen wurde und nicht länger unter Unsicherheit bezüglich zukünftiger Beschäftigung leidet. Ich denke nicht, dass Open Science diese Effekte automatisch ausgleichen würde. Und es bedeutet auch nicht, dass Wettbewerb grundsätzlich unerwünscht wäre. Reputation und externe Anerkennung spielen eine Rolle und sollen sie auch.
Entscheidend ist die Balance. Ich sage meinen Doktorand:innen immer: Ja, strategisches Publizieren ist notwendig. Methodenkenntnisse und gute Planung sind wichtig. Aber ebenso wichtig, wenn nicht gar wichtiger, ist ein Thema, für das man sich begeistern kann. Ohne diese intrinsische Komponente wird die Promotionszeit schnell belastend. Wer beides verbinden kann – die Anforderungen des Systems und die eigene Neugier – findet eher eine stabile Form der Zufriedenheit.
Manche Forschende erleben gesellschaftlichen Impact als besonders sinnstiftend: Sie wollen mit ihrer Arbeit zu wichtigen Fragen beitragen und werden dafür auch öffentlich sichtbar. Wie wirkt die Suche nach Sinnhaftigkeit, verbunden mit einer offenen, dialogorientierten Forschungskultur, auf die Arbeitszufriedenheit? Und wie beurteilen Sie die Offenheit gegenüber Impulsen sowohl aus anderen Disziplinen als auch aus Bereichen außerhalb der Wissenschaft?
MB: Sinnhaftigkeit ist ein zentraler Faktor für Arbeitszufriedenheit. Was als sinnstiftend erlebt wird, variiert allerdings zwischen Personen. Das erklärt auch die Unterschiede in der Haltung zu Open Science. Wer darin keinen Mehrwert erkennt und die Prinzipien eher als Bedrohung versteht, wird daraus wenig Zufriedenheit ziehen. Für andere entsteht Sinn gerade dadurch, dass Forschung transparenter und belastbarer wird. Für mich persönlich erhöht Open Science die Qualität meiner Arbeit. Fehler bleiben möglich, aber die Ergebnisse beruhen auf stabileren Grundlagen. Im Gegensatz zu Praktiken, die wir aus der Replikationskrise kennen, entsteht hier robustere Forschung. Das stärkt die Identifikation mit der eigenen Forschung und wirkt sich positiv auf die Zufriedenheit aus. Diese Beobachtung deckt sich mit einem Projekt, das wir zur Arbeitszufriedenheit im Handwerk durchgeführt haben. Dort zeigte sich, dass Beschäftigte besonders zufrieden waren, wenn sie ein Produkt von Anfang bis Ende verantworteten – etwas Ganzheitliches, das ihre Fähigkeiten widerspiegelt und für andere erkennbaren Nutzen stiftet. Die berufliche Identität war eng an dieses Gefühl geknüpft, etwas Vollständiges geschaffen zu haben. Eine ähnliche Erfahrung kenne ich aus der Wissenschaft. Wenn ein Forschungsprojekt in sich schlüssig wird, wenn eine Frage beantwortet ist und ein Text fertig vorliegt, entsteht ein vergleichbares Gefühl handwerklicher Vollendung. Eine Manufaktur des Wissens. Diese Perspektive hat mir geholfen, wissenschaftliche Arbeit als handwerklichen Prozess zu verstehen: kreativ, aber zugleich methodisch präzise und auf ein klar definiertes Ergebnis ausgerichtet.
Übertragen bedeutet das: Offenheit gegenüber anderen Disziplinen und gegenüber Personen außerhalb der Wissenschaft kann sinnstiftend wirken, wenn sie als Bereicherung erlebt wird und das eigene Forschungsprodukt verbessert. Wenn jedoch externe Erwartungen den Prozess dominieren oder Autonomie einschränken, kann dies das Gegenteil bewirken. Entscheidend ist daher, ob Offenheit als Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums empfunden wird – oder als Druck.
Welche Bedeutung hat gegenseitiges Vertrauen – etwa beim Teilen von Daten oder Ideen – für das Wohlbefinden im Forschungsalltag?
MB: Vertrauen spielt eine wichtige Rolle. Wir wissen ganz allgemein aus der Glücksforschung, dass Menschen mit einem hohen Grundvertrauen gegenüber anderen tendenziell zufriedener sind. Das lässt sich auch auf den Arbeitskontext übertragen: Wer Kolleg:innen vertraut, arbeitet meist gelassener und erlebt mehr Zufriedenheit. Ob Open Science dieses Vertrauen stärkt, ist jedoch nicht eindeutig. Viel hängt davon ab, wie Forschende die Prinzipien selbst wahrnehmen. Wenn Transparenz als sinnvoll und unterstützend erlebt wird, kann sie Vertrauen fördern. Wenn aber Daten offengelegt werden, weil ein Journal dies zwingend verlangt, entsteht kaum eine Vertrauensbasis. In solchen Fällen werden Peers weiterhin eher als Konkurrent:innen wahrgenommen. Die wettbewerblichen Elemente des Wissenschaftssystems verschwinden durch Open Science nicht. Deshalb ist offen, in welchem Ausmaß sich durch mehr Transparenz tatsächlich eine vertrauensvollere Atmosphäre bildet. Vertrauen bleibt wichtig – aber es entsteht nicht automatisch durch offene Praktiken. Und Open Science stärkt das Vertrauen der Gesellschaft in die Arbeit von uns Wissenschaftlern!
Viele Journals, Zuwendungsgeber und wissenschaftspolitische Akteure verlangen inzwischen, dass Daten, Materialien oder Analysen geteilt werden. Gleichzeitig wird gelegentlich vor „Open Washing“ gewarnt. Aus verhaltensökonomischer Sicht stellt sich die Frage: Wie lässt sich Offenheit fördern, ohne sie ausschließlich über Pflichten durchzusetzen? Was braucht es, damit Forschende nicht nur eine weitere Vorgabe sehen, sondern freiwillig neue Wege ausprobieren?
MB: Meine erste intuitive Reaktion wäre: Was spricht eigentlich gegen Verpflichtungen? Viele Elemente von Open Science wie Präregistrierung, Datentransparenz oder nachvollziehbare Analysen sind aus meiner Sicht so wichtig, dass sie Standard sein sollten. Viele wissenschaftliche Probleme der Vergangenheit entstanden, weil diese Grundlagen fehlten. Wir schulden den Steuerzahler:innen die uns vielfach finanzieren doch auch Sorgfalt! Insofern halte ich es für sinnvoll, wenn Journals und Organisationen entsprechende Anforderungen formulieren. Häufig setzen sich neue Praktiken ohnehin mit dem Generationswechsel durch. Aus ökonomischer Perspektive stellt sich zusätzlich die Frage nach geeigneten Anreizen. Wenn man Offenheit stärken möchte, sollte man vor allem Hürden abbauen, vor allem bürokratische Hürden. Ein Beispiel: An manchen Universitäten wurden für Open-Data-Repositorien sehr komplexe Verfahren eingeführt mit langen Formularen und verpflichtenden Beratungsgesprächen. Das wirkt sehr abschreckend. Sinnvoller wäre ein schlanker Prozess: anmelden, Daten hochladen, fertig. Dasselbe gilt für Präregistrierungen. Es gibt sehr aufwändige Formulare, aber auch Plattformen, auf denen wenige Angaben ausreichen. Niedrigschwellige Angebote mit hoher Usability erhöhen die Nutzung deutlich. Wichtig ist außerdem, nicht jede potenzielle Unsicherheit durch Bürokratie abzusichern. Ein gewisses Grundvertrauen gehört dazu. Journals haben bereits positive Impulse gesetzt, etwa durch Badges für offene Daten oder offene Materialien. Solche sichtbaren Signale können zusätzliche Motivation schaffen. Trotzdem bleibe ich dabei: Viele Prinzipien von Open Science sind so zentral, dass sie nicht allein freiwillig umgesetzt werden sollten. Wenn öffentliche Gelder Forschung finanzieren, ist Transparenz eine legitime Anforderung. Eine Präregistrierung von Projekten oder das Bereitstellen von Daten und Replikationsmaterialien ist daher aus meiner Sicht keine übermäßige Zumutung, sondern Teil guter wissenschaftlicher Praxis und eine legitime Forderung der Gesellschaft an uns Forschende.
Wenn Werkzeuge für offene und transparente Forschung wirklich leicht zu bedienen sind, kann diese Usability dazu führen, dass Forschende Offenheit selbstverständlich praktizieren?
MB: An Universitäten wird häufig versucht, sich organisatorisch und rechtlich abzusichern, was dann in umfangreichen Formularen endet. Dieser Aufwand hemmt die Nutzung. Gute technische Lösungen mit hoher Usability hingegen funktionieren schnell und intuitiv. OSF und AsPredicted haben aus meiner Sicht viel erreicht, weil sie es eben ermöglichen, Verfahren niedrigschwellig auszuprobieren. Das hat bei mir und vielen meiner Kolleg:innen die Einstiegshürde erheblich gesenkt und die Akzeptanz spürbar gesteigert. Usability ist jedoch nur ein Teil der Lösung. Entscheidend bleibt die Haltung gegenüber Open Science. Es geht um das Mindset. Wer die Prinzipien als Bedrohung erlebt, lässt sich nicht allein durch eine benutzerfreundliche Oberfläche überzeugen. Dort braucht es inhaltliche Überzeugungsarbeit und in manchen Fällen wird es sicher auch notwendig sein, dass das System klare Rahmenvorgaben setzt, damit bestimmte Standards verbindlich werden.
Einige Wissenschaftler:innen gelten als Early Adopter und setzen sehr konsequent auf offene Praktiken. Andere Forschende orientieren sich eher am Umfeld und überlegen, ob sie ebenfalls einsteigen sollten, weil Kolleg:innen in der eigenen Arbeitsgruppe bereits mit Open-Science-Praktiken arbeiten.
MB: In der VWL sind wir dafür relativ gut aufgestellt, weil Forschung selten allein entsteht. Viele Projekte werden in Autorenteams bearbeitet. Dadurch arbeiten oft erfahrenere und jüngere Forschende zusammen. Die Jüngeren bringen oftmals neue Methoden und Prinzipien ein, während die Älteren Orientierung geben. Dieses wechselseitige Lernen erleichtert die Einführung offener Praktiken. Aus meiner Sicht entwickeln wir uns in der VWL deshalb insgesamt in eine positive Richtung, was die Verbreitung von Open-Science-Elementen betrifft.
Wo sehen Sie Grenzen? Also Situationen, in denen Offenheit und Transparenz mit psychologischen Bedürfnissen oder dem Wohlbefinden im Forschungsalltag in Konflikt geraten.
MB: Konflikte entstehen dort, wo Offenheit als Bedrohung wahrgenommen wird, sei es für die eigene Identität, das Selbstbild oder die berufliche Rolle. Wissenschaft als organisierter Skeptizismus ist geprägt von Kritik, Zweifeln und einem hohen Anspruch an die eigene Fehlerkultur. Das ist zentral für den Erkenntnisprozess, aber für die einzelne Person oft belastend. Begutachtungsverfahren sind hier ein gutes Beispiel: Rückmeldungen konzentrieren sich meist auf das, was nicht funktioniert. Man liest selten ein „Das ist ein interessanter Zugang“, oder ähnliches. Das ist fachlich sinnvoll, aber emotional fordernd. Ähnlich verhält es sich mit Transparenzanforderungen. Wer Daten offenlegt, setzt sich dem Risiko aus, dass Andere Fehler entdecken. Auch wenn man die Grundidee unterstützt, fühlt es sich im ersten Moment selten gut an, wenn eine publizierte Analyse nachweislich fehlerhaft war. Wenn sich dann die Studie als fehlerhaft herausstellt, auf der die eigene Karriere gründet, da braucht es schon enorme Charakterstärke, darin eine Chance zu sehen. Von daher verstehe ich auch, dass es in der Replikationskrise viele etablierte Forschende gab, die sich sehr negativ gegenüber Open Science Prinzipien positioniert haben.
Solche Reaktionen sind erstmal normal und psychologisch verständlich. Entscheidend ist, ob man eigene Fehler und die Widerlegung eigener Forschungsergebnisse als Teil des wissenschaftlichen Prozesses akzeptieren kann. Offenheit bedeutet auch, den „Mut zum Irrtum“ zu haben und Lernprozesse zuzulassen. Doch nicht alle erleben das als entlastend. Deshalb stoßen freiwillige Offenheitspraktiken an Grenzen. Diese Spannungen verschwinden nicht von allein. Manche Vorbehalte lassen sich nur reduzieren, wenn bestimmte Standards verbindlich werden und dadurch Routine entsteht. Erst durch wiederholte Erfahrungen zeigt sich, dass Offenheit nicht zwangsläufig eine Bedrohung ist.
Ich halte die Mindset-Frage für zentral. Sollte es nicht zum professionellen Selbstverständnis gehören, dass ich als einzelne Forscherin oder Forscher immer nur ein Puzzleteil beitragen kann und erst viele kleine Bausteine gemeinsam ein größeres Bild ergeben? Mit anderen Worten: Braucht es mehr Demut darüber, dass wissenschaftliche Erkenntnis nur im Zusammenspiel entsteht?
MB: Da sind wir wieder bei einem schönen Punkt. Diese Perspektive rückt Forschung in den Kontext kleiner, inkrementeller Beiträge. Vieles entsteht schrittweise, nicht in großen Würfen. Deshalb irritiert es mich oft, wenn von einzelnen Studien umfassende Politikimplikationen erwartet werden. Gerade bei ersten Untersuchungen mit begrenzter Datenlage ist eher Zurückhaltung angebracht. Kleine Projekte sind ein legitimer Teil kumulativer Wissenschaft. Sie müssen nicht allein weitreichende Aussagen tragen. Diese Haltung kann auch entlasten: Wenn ein Fehler in einer begrenzten Studie entdeckt wird, ist das kein dramatischer Einschnitt, sondern Teil eines normalen wissenschaftlichen Lernprozesses.
Mich interessiert Ihre Perspektive als Verhaltensökonom, der sich mit Arbeit und Motivation befasst. Was raten Sie jungen VWL-Forschenden, die unsicher sind, ob sie Open-Science-Praktiken anwenden sollen – auch mit Blick auf ihre Karriere?
MB: Bei meinen eigenen Doktorand:innen beginne ich immer mit einem Grundsatz: Wählt ein Forschungsthema, das euch intrinsisch motiviert. Ohne echtes Interesse ist die Promotionsphase schwer durchzuhalten. Gleichzeitig muss man verstehen, wie das Wissenschaftssystem funktioniert und welche Anforderungen es stellt. Beides gehört zusammen: ein relevantes Thema und ein realistischer Blick auf Publikationschancen. In der Praxis ist das oft komplex. Ein Beispiel: Ein früherer Doktorand arbeitete an seinem ersten Aufsatz. Die Studie ergab mehrere Nullbefunde. Für mich ist das ein völlig normales Ergebnis der Arbeit und sollte publizierbar sein. Für den Nachwuchs ist es jedoch schwieriger, weil Nullbefunde in vielen Bereichen weiterhin geringere Erfolgsaussichten bei Fachzeitschriften haben und solche Ergebnisse natürlich auch wenig „aufregend“ sind. Wir haben damals einen Befund mit aufgenommen, der nicht null war, und die übrigen Ergebnisse mitdiskutiert. Rückblickend war das ein Balanceakt. Ohne diesen Befund hätte ich dem Doktoranden möglicherweise geschadet, wenn das Paper abgelehnt worden wäre, obwohl die offene Darstellung wissenschaftlich sinnvoll gewesen wäre. Aber wir hatten auch Glück mit den Gutachtern: in einem Gutachten wurden wir nachgerade ermutigt, die Nullergebnisse zentral darzustellen und zu erklären. Solche Spannungen treten häufiger auf: Was gute wissenschaftliche Praxis wäre, deckt sich nicht immer mit dem, was dem Karrierefortschritt dient. Kolleg:innen warnen junge Forschende manchmal sogar davor, bestimmte Themen oder offene Praktiken zu früh zu verfolgen. Das zeigt, wie eng die Spielräume im System oft doch noch sind, gerade wenn man nicht unbefristet beschäftigt ist.
Trotzdem halte ich es für wichtig, dass junge Forschende offene Prinzipien früh erlernen. Meine Doktorand:innen arbeiten grundsätzlich mit Open-Science-Elementen, wo immer es möglich ist. Das ist für mich keine Frage von Anreizen, sondern Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis. Unabhängig davon bleibt mein wichtigster Rat als jemand, der Zufriedenheitsforschung macht: Intrinsische Motivation trägt langfristig weiter als jede externe Belohnung. Wer Forschung ausschließlich als strategisches Mittel zum Zweck begreift, wird schwer zufrieden arbeiten können. Wer dagegen ein Thema findet, das ihn wirklich interessiert, kann die unvermeidlichen Anforderungen und Unsicherheiten des Systems besser bewältigen.
Viele berichten, dass ihnen präzise Dokumentation und vorab durchdachte Präregistrierungen enorm helfen. Das frühe Klären von Fragen wie „Was will ich untersuchen?“, „Welche Ergebnisse erwarte ich?“ oder „Wie gehe ich mit alternativen Befunden um?“ verbessert aus ihrer Sicht die Qualität der Forschung deutlich.
MB: Absolut. Das sehe ich genauso. So ein „Design Based Approach“ ist ausgesprochen hilfreich. Für mich steht außer Frage, dass solche Schritte die wissenschaftliche Arbeit verbessern. Deshalb erwarte ich von meinen Doktorand:innen, dass sie diese Praktiken anwenden, nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Bestandteil guter Methodik. Dasselbe erwarte ich aber auch von mir selbst! Genauso wie ich bestimmte statistische Verfahren als angemessen oder unangemessen bewerte, gilt das auch für sorgfältige Planung und Transparenz. Die Überlegungen im Vorfeld, Stichprobengröße, Entscheidungsregeln, notwendige Variablen, sind für solide Forschung zentral. Die Replikationskrise hat deutlich gemacht, welche Folgen es hat, wenn diese Aspekte vernachlässigt werden. Ein empfehlenswerter Überblick dazu ist Stuart Ritchies Buch Science Fictions, das die zentralen Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten der letzten Jahre klar zusammenfasst. Präregistrierung, offene Daten und präzise Dokumentation sind keine Allheilmittel, aber sie sind wichtige Schritte hin zu belastbareren Ergebnissen und einem besseren Verständnis der methodischen Herausforderungen, die sich in vielen Bereichen gezeigt haben.
Vielen Dank!
Das Interview wurde am 21. November 2025 geführt von Dr. Doreen Siegfried.
Über Prof. Dr. Martin Binder:
Prof. Dr. Martin Binder ist Professor für Sozialwissenschaftliche Ökonomie an der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften der Universität der Bundeswehr München. Er forscht in der angewandten Mikroökonomik mit Schwerpunkten in der Verhaltensökonomik und der Zufriedenheitsforschung. Seine Arbeiten liegen häufig an der Schnittstelle zu Psychologie, Politikwissenschaft und Soziologie. Zuvor war Prof. Dr. Martin Binder am Bard College Berlin, an der University of Sussex, der Universität Kassel und am Max-Planck-Institut für Ökonomik tätig. Er promovierte und habilitierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und studierte an der RWTH Aachen Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre und Philosophie.
Kontakt: https://www.unibw.de/universitaet/berufung/neuberufene/prof-martin-binder
Kontakt: https://mbinder.net/
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/bindermartin/
ORCID.ID: https://orcid.org/0000-0002-5053-3804
