Was ist der Wert von offener Wissenschaft?

Forschungsergebnisse des transnationalen Projektes VOICES

Foto von Prof. Dr. Isabella Peters

Foto: Timo Wilke

Wie offen sind wissenschaftliche Ergebnisse eigentlich für die breite Öffentlichkeit zugänglich? Wer entscheidet, welche Forschungsergebnisse veröffentlicht werden und wer sie lesen kann? Wie kommen wir in den Genuss von wissenschaftlichen Entdeckungen, wenn sie hinter Bezahlschranken oder in fachspezifischen Datenbanken verborgen sind? Und vor allem: Kann Open Science, sprich die Idee einer offenen, transparenten und für alle zugänglichen Wissenschaft, tatsächlich die Art und Weise verändern, wie Forschung betrieben wird? Diese Fragen sind nicht nur für Expert:innen aus dem Wissenschaftsbetrieb von Bedeutung, sondern berühren die gesamte Gesellschaft, insbesondere in Zeiten globaler Krisen wie der vergangenen COVID-19-Pandemie.

Das Projekt VOICES – Value of Openness, Inclusion, Communication, and Engagement for Science in a Post-Pandemic World widmete sich genau diesen Fragen. Es untersuchte, wie sich die Open-Access-Praxis während der Pandemie entwickelte und inwieweit diese Entwicklung zu einer gerechteren und inklusiveren Wissenschaft beitrug. Dabei lag der Fokus nicht nur auf dem Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern auch auf der Kommunikation von Wissenschaft in Krisenzeiten und den Auswirkungen dieser Offenheit auf die Gesellschaft.

Ein transnationales Team von Expert:innen, unter anderem aus der Web-Science-Arbeitsgruppe der ZBW unter Leitung von Prof. Dr. Isabella Peters, arbeitete im Rahmen von VOICES zusammen, um zu verstehen, zu dokumentieren und zu messen, wie die neue Wechselwirkung zwischen Forscher:innen, Entscheidungsträger:innen, Wissenschaftskommunikator:innen und der breiten Öffentlichkeit die Forschung und ihre gesellschaftliche Rolle beeinflusste. Das Projekt verfolgte Forschungsfragen über nationale Grenzen hinweg und berücksichtigte die Kontexte der vier beteiligten Länder: Brasilien, Deutschland, Kanada und das Vereinigte Königreich.

Die schnelle Einführung von Open Access: Ein zweischneidiges Schwert

Die COVID-19-Pandemie führte zu einer raschen Ausweitung offener Wissenschaftspraktiken, wie etwa Preprints und offenen Datenaustausch. Doch diese Entwicklung war von nationalen und institutionellen Gegebenheiten geprägt und daher ungleich verteilt. In manchen Ländern und Disziplinen war der Zugang zu offenen wissenschaftlichen Inhalten weiter verbreitet als in anderen, was die Notwendigkeit betont, Open-Access-Strategien flexibel und kontextsensitiv zu gestalten.

Ein zentrales Ergebnis des Projekts war, dass Open Access zwar als ein öffentliches Gut gefördert wurde, es jedoch oft an einer echten Integration von Gerechtigkeit und Inklusion fehlte. Zwar waren Offenheit und Transparenz als positive Ziele weitgehend anerkannt, doch blieb die Frage, wer konkret von dieser Offenheit profitiert, weitgehend unbeantwortet. Open Access wurde oftmals als Werkzeug zur Beschleunigung der Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse genutzt, jedoch nicht in dem Maße, wie es für eine breitere Beteiligung an der wissenschaftlichen Produktion nötig gewesen wäre.

Preprints und die Medien: Eine Gratwanderung zwischen Geschwindigkeit und Glaubwürdigkeit

Preprints, wissenschaftliche Arbeiten, die vor der Peer-Review-Veröffentlichung öffentlich zugänglich gemacht werden, spielten während der COVID-19-Pandemie eine zentrale Rolle. Sie ermöglichten eine schnellere Verbreitung von Forschungsergebnissen und unterstützten die globale Reaktion auf die Krise. Doch der mediale Umgang mit Preprints war problematisch. Journalist:innen standen vor der Herausforderung, schnell auf Preprints zuzugreifen, doch das Fehlen eines Peer-Review-Prozesses hinterließ Bedenken hinsichtlich der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit dieser Quellen. Diese Unsicherheiten führten im Laufe der Pandemie zu einer nachlassenden Medienaufmerksamkeit für Preprints.

Die Herausforderung, Preprints mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein zu behandeln, ist noch immer ungelöst. Während einige Journalist:innen umgehend eine kritische Auseinandersetzung mit Preprints forderten, mangelte es an adäquaten Werkzeugen und unterstützenden Rahmenbedingungen, um diese Quellen richtig einordnen und ihre Qualität bewerten zu können.

Offenheit in der Wissenschaftskommunikation – Fehlende Brücken zur breiten Öffentlichkeit

Das VOICES-Projekt machte auch auf die bestehende Kluft zwischen Open Access und der Wissenschaftskommunikation aufmerksam. Trotz der Zunahme offener wissenschaftlicher Inhalte blieben viele dieser Inhalte für die breite Öffentlichkeit unzugänglich, da unverständlich. Wissenschaftseinrichtungen und Journalist:innen, die versuchten, offene Forschung zu verbreiten, taten dies oft in einer Fachsprache, die nur für ein wissenschaftliches Publikum verständlich war. Die Bedeutung von Open Access für die breite Gesellschaft wurde oft nicht ausreichend hervorgehoben.

Hier zeigt sich eine klare Notwendigkeit für eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftskommunikation und Open Access. Wissenschaftliche Inhalte müssen nicht nur offen sein, sondern auch in einer Form bereitgestellt werden, die für die Öffentlichkeit verständlich und anwendbar ist. Ohne diese Brücke zwischen Fachwelt und Gesellschaft bleibt die Wirkung von Open Access begrenzt.

Das Ende der Krise und die Rückkehr zu alten Strukturen

Trotz der positiven Entwicklungen im Bereich von Open Access zu Beginn der Pandemie zeigte sich schnell, dass viele dieser Fortschritte temporär waren. Als die Dringlichkeit der Krise nachließ, kehrten viele wissenschaftliche Artikel wieder hinter Bezahlschranken zurück – es stand nicht mehr die Lösung der globalen Krise im Vordergrund, sondern die ökonomische Orientierung der Verlage, mit deren Infrastrukturen die Artikel qualitätsgesichert publiziert wurden. Diese Rückkehr zur Norm unterstreicht die Fragilität der vorübergehenden Maßnahmen, die während der Pandemie ergriffen wurden, und die Notwendigkeit, Open Access als dauerhaftes öffentliches Gut zu etablieren. Ein tragfähiges Open- Access-Geschäftsmodell ist noch ein Desiderat.

Die Pandemie hat gezeigt, dass Open Access in Krisenzeiten eine wichtige Rolle spielen kann, doch ohne eine langfristige und integrative Infrastruktur wird der Nutzen von Open Access auf diese kurzfristigen Reaktionen beschränkt bleiben. Für die Zukunft müssen Strategien entwickelt werden, die Offenheit nicht nur als technisches oder politisches Ziel begreifen, sondern als einen langfristigen gesellschaftlichen Auftrag, der auch Gerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion umfasst.

Langfristige und nachhaltige Offenheit braucht strukturelle Reformen

Das VOICES-Projekt hat wertvolle Erkenntnisse darüber geliefert, wie Open Access während einer globalen Krise wirken kann und welche strukturellen Herausforderungen es weiterhin zu überwinden gilt. Der schnelle, aber ungleichmäßige Ausbau offener Praktiken während der Pandemie, die Spannungen zwischen Offenheit und Glaubwürdigkeit sowie die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Offenheit und der breiten Zugänglichkeit der Ergebnisse zeigen, dass Open Access mehr braucht als nur technologische Lösungen. Um das volle Potenzial von Open Access auszuschöpfen, sind strukturelle Reformen und ein stärkerer Fokus auf Inklusion und gerechte Teilnahme notwendig.

Prof. Dr. Isabella Peters von der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, erläutert: „Für die Zukunft empfehle ich, dass wir uns intensiver mit den politischen und sozialen Dimensionen von Open Access auseinandersetzen und die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Medien und der breiten Öffentlichkeit weiter verstärken. Nur so kann Open Access zu einem echten Instrument für mehr Transparenz, Gerechtigkeit und Inklusion werden – nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch langfristig und nachhaltig.“

Projektpartner

Juan Pablo Alperin (PI), Germana Barata (Co-PI), Isabella Peters (Co-PI), Stephen Pinfield (Co-PI), Alice Fleerackers (Postdoctoral Fellow), Natascha Chtena (Postdoctoral Fellow), Monique Oliveira (Postdoctoral Fellow), Isabelle Dorsch (Postdoctoral Fellow), Melanie Benson Marshall (Postdoctoral Fellow)

Zur Projekt-Website: https://www.scholcommlab.ca/research/equity-and-inclusion-in-open-science/

Projektförderung

Das Projekt wurde durch den Trans-Atlantic Platform Recovery, Renewal and Resilience in a Post-Pandemic World (RRR) Award gefördert, zu dem auch der Social Sciences & Humanities Research Council (SSHRC) in Kanada, die São Paulo Research Foundation (FAPESP) in Brasilien, der Arts and Humanities Research Council (AHRC) im Vereinigten Königreich und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Deutschland Beiträge leisten.

Zu den Projektergebnissen:

Chtena, N., Alperin, J. P., Pinfield, S., Fleerackers, A., & Pasquetto, I. V. (2025). Preprint servers and journals: rivals or allies? Journal of Documentation, 81(4). https://doi.org/10.1108/JD-09-2024-0215

Chtena, N., Pasquetto, I., Fleerackers, A., Pinfield, S., Marshall, M. B., & Alperin, J. P. (2024). “Does it feel like a scientific paper?”: A qualitative analysis of preprint servers’ moderation and quality assurance processes. MetaArXiv Preprints. https://doi.org/10.31222/osf.io/mp6ky

Marshall, M. B., Pinfield, S., Abbott, P., Cox, A., Alperin, J. P., Barata, G., Chtena, N., Dorsch, I., Fleerackers, A., Oliveira, M., & Peters, I. (2024). The impact of COVID-19 on the debate on open science: An analysis of expert opinion. SocArXiv Papers. https://doi.org/10.31235/osf.io/xy874

Fleerackers, A., Shores, K., Chtena, N., & Alperin, J. P. (2024). Unreviewed science in the news: The evolution of preprint media coverage from 2014-2021. Quantitative Science Studies, 1–40. https://doi.org/10.1162/qss_a_00282

Fleerackers, A., Chtena, N., Pinfield, S., Alperin, J. P., Barata, G., Oliveira, M., & Peters, I. (2024). Making science public: a review of journalists’ use of Open Access research. F1000Research. https://doi.org/10.12688/f1000research.133710.2

Dorsch, I., Lemke, S., & Peters, I. (2023). Analysis of “open access publishing characteristics” for COVID-19 and cancer publications in web of science. In W. Semar (Ed.), Nachhaltige Information – Information für Nachhaltigkeit. Tagungsband des 17 (pp. 387–392). Glückstadt: Verlag Werner Hülsbusch. https://dx.doi.org/10.5281/zenodo.10009338

Lemke, S., Dorsch, I., & Peters, I. (2023, October 27). Post-pandemic changes in the adoption of OA models – a case study on Covid-19 and cancer research. Workshop on Informetric, Scientometric, and Scientific and Technical Information Research (METSTI 2023), London, UK. https://doi.org/10.5281/zenodo.10555358

Fleerackers, A., Chtena, N., Oliveira, M., Dorsch, I., Pinfield, S., & Alperin, J. P. (2023). Open data journalism: A narrative synthesis of how, when, and why data journalists use open data sources. SocArXiv. https://doi.org/10.31235/osf.io/wh8jx




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