Wissenschaft ist zu wichtig, um sich nicht mit Open Science zu beschäftigen

Dr. Ulf Steinberg über seine Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Dr. Ulf Steinberg

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Wenn erfahrene Wissenschaftler:innen in praxisorientierten Workshops ihre Erfahrungen und Herangehensweisen mit Open Science teilen, stößt dies bei Nachwuchswissenschaftler:innen auf reges Interesse.
  • Wie bei jedem größeren Change-Projekt in einem Unternehmen ist es auch im Wissenschaftsbetrieb unerlässlich, die Open-Science-Transformation auf mehreren Ebenen und mit unterschiedlichen Maßnahmen anzugehen.
  • Wenn man nach dem Studium mit Daten umgehen kann, dann ist man auf jeden Fall sehr gut aufgestellt.

Sie waren in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in der Kommission Open Science auf struktureller Ebene aktiv. Was war Ihre Arbeitstätigkeit?

US: Ich bin in der Kommission weiterhin ehrenamtlich tätig. Die Kommission Open Science wurde von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie eingerichtet. Zum einen sollte die Kommission die Einführung von Empfehlungen zum Forschungsdatenmanagement begleiten, evaluieren, auch überarbeiten und im weiteren Sinne Entwicklungen rund um das Thema Open Science für die Gesellschaft der Psychologie aufbereiten, mitverfolgen und mitgestalten. Zum anderen fungiert die Kommission aber auch als Kontaktpunkt zu anderen Gesellschaften und Institutionen. Die Kommission Open Science ist aus der Arbeit an den Empfehlungen zum Forschungsdatenmanagement entstanden. Das war ursprünglich eine Arbeitsgruppe um Felix Schönbrodt, Andrea Abele-Brehm und Mario Gollwitzer. Ich bin dann dazugestoßen, nachdem die erste Fassung der Empfehlung veröffentlicht wurde und wir eine Evaluationsstudie geplant haben. Dann hat das ganze Fahrt aufgenommen und wir haben mittlerweile eine zweite Fassung veröffentlicht, die sich mit weitergehenden Aspekten des Forschungsdatenmanagements beschäftigt. Jetzt planen wir mehr Aktivitäten, die den Austausch betreffen. Wir sprechen derzeit vermehrt mit Ethikkommissionen in der Psychologie und haben eine Reihe von Round Tables in Planung, wo wir mit anderen Akteuren in dem Feld in Austausch kommen wollen. Wichtig ist uns hier, die Vernetzung zu fördern.

Wie kann man in einer Fachgesellschaft Strukturen schaffen, die auch tatsächlich in verändertem Verhalten münden?

US : In der Kommission treffen wir auf der einen Seite auf Forschende, die sich jetzt gerade auf das Feld begeben und ihre erste Präregistrierung machen und womöglich noch nicht wissen, dass ggf. Hindernisse zu überwinden sind, und die jetzt lernen, dass Fragen des Datenschutzes, des Urheberrechts und der Forschungsethik einbezogen werden müssen. Auf der anderen Seite stoßen wir auf ein großes und reges Interesse. Dies hat uns als Kommission auch schon dazu bewogen, im letzten Jahr einen sehr praxisorientierten Workshop anzubieten, in dem erfahrene Kolleg:innen ihre Erfahrungen und Herangehensweisen mit dem Thema Open Science geteilt haben. Wir sind hier in einen sehr produktiven Austausch gegangen. Der Workshop ist vorrangig bei jüngeren Kolleg:innen auf großes Interesse gestoßen. Wie bei jedem größeren Change-Projekt in einem Unternehmen ist es auch hier unerlässlich, das Thema auf verschiedenen Ebenen anzugehen und mit verschiedenen Maßnahmen zu bespielen. Meiner Meinung nach muss man sich mit Open Science auseinandersetzen, weil es in Zukunft Vorgabe von Fördergeber:innen sein wird, nach diesen Prinzipien zu arbeiten oder es ansonsten eben kein Geld gibt. Zweitens nehme ich es so wahr, dass in wenigen Jahren niemand mehr die Zeit hat, Forschung zu lesen, die nicht offen ist. Auch in der Ökonomie wird man sich fragen, ob man sich Forschung durchliest, die proprietär und damit potenziell weniger nachprüfbar ist, oder ob man seine sehr spärliche Zeit im Wissenschaftsbetrieb lieber aufwendet, um Forschung zu rezipieren, bei welcher man auch selbst eine Sicherheit erlangen könnte, ob die Ergebnisse akkurat sind oder nicht.

Wo fängt man am besten an, Open Science in einer ganzen Disziplin zu etablieren? Was ist Ihrer Erfahrung nach der beste Weg?

US : In der Psychologie gibt es starke Bestrebungen, sowohl Unterstützung als auch Infrastruktur zu adressieren. Das ZPID – Leibniz-Institut für Psychologie in Trier beispielsweise macht sich sehr stark, Infrastrukturen für psychologische Forschung bereitzustellen. Die haben aus meiner Sicht eine sehr überzeugende Palette an Angeboten geschaffen. Flankierend zu den Infrastrukturen erachte ich Hilfsangebote im Sinne von Workshops als sehr sinnvoll, vor allem für diejenigen Wissenschaftler:innen, die schon mit beiden Beinen in ihrer Karriere stehen. Hier ist es wichtig, die Botschaft zu senden: „Du hast wissenschaftliches Arbeiten zwar auf die eine Art gelernt und arbeitest auch an der Weiterentwicklung der Disziplin und der Methoden mit. Aber jetzt gibt es Bedarfe, wissenschaftliches Arbeiten neu zu denken. Bitte gehe diesen Weg mit, eher früher als später.“ Der langfristige Wandel erfolgt meiner Meinung nach eher darüber, dass die jungen Wissenschaftler:innen jetzt schon sehr früh an das Thema herangeführt werden. In der Psychologie gibt es beispielsweise Empirie-Praktika, wo Studierende das Forschen lernen. An vielen Universitäten ist das jetzt schon fest im Curriculum verankert, die ersten Universitäten haben das Thema in der Promotionsordnung in der Psychologie aufgenommen, in Tenure-Track-Agreements spielt es eine große Rolle bis hin zu Ausschreibungen von Berufungsverfahren, z.B. in der LMU in München ist es ein Standard-Passus und wird dort sehr bewusst in den Berufungsverfahren aufgenommen. Das sind alles Maßnahmen, die sich bottom up mit der Zeit durchsetzen müssen. Ich denke aber, diese Maßnahmen werden dann am Ende den eigentlichen Effekt haben. Hier spielt die Vorbildfunktion einiger Vorreiter eine große Rolle für Nachahmungseffekte. Wir in der Kommission versuchen, solche Vorreiter wahrzunehmen und mit anderen Akteuren in den Austausch zu bringen. Es gibt ja zahlreiche Akteure, wie NOSI oder das German Reproducibility Network – so auch in anderen Ländern.

Wo sehen Sie Anschlussstellen für Wirtschaftsforschende oder wirtschaftswissenschaftliche Fachgesellschaften, um mitzuarbeiten, um sich auszutauschen und dann jeweils für sich oder die Institution etwas mitzunehmen?

US: Meiner Meinung nach kann man auf ganz verschiedenen Ebenen in einen produktiven Diskurs miteinander kommen. Das macht auch die Arbeit der Open-Science-Kommission aus. Wenn wir über Probleme diskutieren, betrifft es den einen Wissenschaftsbereich mehr und den anderen weniger. Ein Beispiel: Wenn wir jetzt sagen, es wäre wünschenswert, dass Wissenschaftler:innen ihre Forschungsdaten so öffentlich wie möglich teilen, dann sind damit eine ganze Reihe an Problemen und Fragestellungen verbunden, die wir jetzt auch noch nicht alle für uns lösen konnten, die aber die Wirtschaftsforschung genauso betreffen würden wie die psychologische Forschung. Zum einen ist da die Frage nach Urheberrechten: wenn man Daten Dritter nachnutzt, um überhaupt eine ausreichende Datengrundlage zu haben, dann darf man die unter Umständen gar nicht teilen oder nur Ausschnitte oder nur unter bestimmten Voraussetzungen. Was kann man hier tun? Welche Möglichkeiten gibt es? In der Revision der Empfehlungen zum Forschungsdatenmanagement haben wir genau zu dieser Frage einen Vorschlag gemacht, nämlich die Publikation der Daten innerhalb verschiedener Zugriffsklassen, die sich von Infrastrukturanbietern abbilden und lizenz- bzw. vertragsrechtlich ausgestalten lassen. Mein Verständnis war, dass in den Wirtschaftswissenschaften seltener über ein Problem der Replikation gesprochen wird. Dafür gibt es eine Reproduktionskrise oder zumindest Fragen um die Reproduktion von Studienergebnissen. Diese Fragen beziehen sich eher auf die Frage, ob andere Forschende zu den gleichen Ergebnissen kommen, wenn man ihnen den gleichen Datensatz gibt. Das ist in der Psychologie wie in der Wirtschaftsforschung gleich, dass das durchaus nicht der Fall sein muss. Auch wenn man von Krisen in der Ökonomie wenig gehört hat, haben falsche Forschungsergebnisse natürlich Implikationen für wirtschaftspolitische Entscheidungen und somit für menschliches Leben. Vor diesem Hintergrund wäre es sinnvoll, wenn die Daten, die die Grundlage für einen Artikel darstellen, mitgeliefert würden, so dass es nachgerechnet werden kann. Das wäre unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten ein wichtiger Vorgang. Nicht nur wegen der Policy Implications, sondern auch wegen der Methodendiskussion. Die Gesellschaft, die sich viele Forschungsgruppen leistet, sollte im Gegenzug ein klares und robustes Bild zu einem Forschungsgegenstand bekommen.

Wohin können sich Wirtschaftsforschende wenden, wenn sie sich etwas Konkretes aus der Psychologie abgucken wollen? Welche konkreten Anlaufpunkte empfehlen Sie?

US: Ein konkreter Anlaufpunkt, wäre die Website der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, die sich gerade in der Überarbeitung befindet, wo entsprechend ein paar ressourcenweiterführende Links zusammengestellt sind. Dann das Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID), die auch eine umfangreiche Sammlung an Ressourcen haben und im englischsprachigen Raum das Open Science Framework, das einen disziplinenübergreifenden Anspruch hat.

Wir haben für die Wirtschaftsforschung festgestellt, dass oft unklar ist, was der Begriff Open Science umfasst. Mit welchen Begrifflichkeiten haben Sie gearbeitet?

US: Wir haben uns da in diesem ganzen Diskurs an Open Science gehalten, weil Begrifflichkeiten wie Transparenz oder Robustheit mit ihren eigenen Konnotationen daherkommen. Auch wenn wir jetzt plötzlich alle Daten und Analyseskripte und so weiter teilen, würde das noch nicht unbedingt dem Gesichtspunkt einer transparenten Wissenschaftskommunikation genügen, weil es einer gewissen Einordnung fehlen würde. Sicherlich könnte man sagen, es gibt Wissenschaftler:innen, die das dann interpretieren können, aber das wäre nicht wirklich transparent kommuniziert. Der Begriff „Robustheit“ fällt immer wieder, insbesondere in Zusammenhang mit der Replikationskrise. Aber wir haben einen sehr klaren Fokus auf das Thema Open Science, was sich dann aus verschiedenen Säulen zusammensetzt. Dazu gehören Aspekte wie Open Data, Open Materials, Open Access.

Sie sind jetzt Wissenschaftler im nichtakademischen Bereich und arbeiten bei einer Unternehmensberatung: Wie kommen Sie an Literatur bzw. Datenmaterial? Und was wäre Ihre Idealvorstellung, wie der Austausch zu anderen Forschenden auf materieller und kommunikativer Ebene organisiert werden kann?

US: Als ich noch an der Universität war, habe ich mir zusätzlich Zugänge an verschiedenen Staatsbibliotheken eingerichtet, weil eben doch jede einzelne Universitätsbibliothek in Deutschland immer wieder an ihre Grenzen stößt. Solange Pauschalverhandlungen mit Verlagen noch nicht flächendeckend der Fall sind, wird man meiner Meinung auch als Wissenschaftler:in weiterhin darauf angewiesen sein, sich Zugänge zu Staats- und anderen Bibliotheken einzurichten. Das ist eine Möglichkeit, Zugriff auf Literatur zu bekommen, die noch hinter einer Lizenzschranke verborgen liegt. Wobei der Anteil der im Open Access veröffentlichten Artikel merklich wächst. Also in vielen Fällen kann man diese Artikel auch direkt von den Datenbanken herunterladen, so dass also jetzt da eine Grenze zwischen der institutionellen Wissenschaft und der Wissenschaft, die die außerhalb von Unternehmen betrieben wird, wegfällt. Das gleiche würde auch für Daten gelten. Ein Thema, das im Kontext Forschungsdatenmanagement auch immer aufkommt, ist das Thema der Datenfriedhöfe. Sind wirklich alle Daten für die Nachwelt von Interesse?

Ist das nicht eher ein Luxusproblem?

US: Ja, es kann ein Argument sein von Leuten, die einem Wandel hin zu Open Science skeptisch gegenüberstehen. Re-Use ist ein wichtiges Thema. Bei uns im Unternehmen verfügen wir über Daten, die wissenschaftlich für die Führungs- und Managementforschung höchstinteressant sind. Hier gilt es, zu überlegen, wie man es Unternehmen schmackhafter machen könnte, sich in dieser Weise zu öffnen und am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Für Unternehmen ist es wiederum interessant, die Analysen und Ergebnisse für sich zu nutzen, um beispielsweise einen Change gut zu gestalten.

Welche Future Skills brauchen Studierende, die in Unternehmensberatungen arbeiten wollen, bezogen auf den Umgang mit wissenschaftlichen Arbeiten?

US: Meine Erfahrungen stützen sich darauf, dass ich an einer sehr großen BWL-Fakultät promoviert habe und entsprechend den Austausch mit Studierenden gepflegt und Abschlussarbeiten betreut habe. Ich glaube, dass die Wirtschaftswissenschaften einen stärkeren Fokus auf die methodische Ausbildung legen könnten, wenn es um die Frage geht: Wie kommen die Daten zustande? Was können diese Daten aussagen? Wie können wir die Daten interpretieren und vielleicht auch automatisiert weiterverwenden? In der BWL kommt es im Vergleich zur Psychologie oder Sozialwissenschaft stärker darauf an, wie man sich individuell als Studierende:r ausrichtet. Es gibt an einigen Universitäten erste Programme, die konkret Themen wie zum Beispiel People Analytics oder AI for Business ins Zentrum stellen. Grundsätzlich würde ich allen jungen Menschen sagen: Wenn man nach dem Studium mit Daten umgehen kann, dann ist man auf jeden Fall sehr gut aufgestellt.

Wie kann man sich als junger Wissenschaftler, als junge Wissenschaftlerin für das Thema Open Science engagieren?

US: Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Das Wichtigste wäre, dass man sich engagieren will und den ersten Schritt macht. Der konkreteste Anknüpfungspunkt ist, Kontakt zu engagierten Wissenschaftler:innen aufzunehmen, da Open Science eben sehr verteilt ist. Ich nehme die Kolleg:innen allesamt sehr offen und engagiert wahr. Also einfach eine E-Mail schreiben und fragen, was man tun kann. Viele dieser Open-Science-Initiativen an Universitäten sind auch genau so entstanden. Ich weiß, dass beispielsweise das Netzwerk der Open Science Initiativen auch versucht, eine Art Patenschaftssystem einzurichten. Also, wenn man jetzt gar nicht weiß, wo man anfangen soll, dann sind da auch Strukturen oder Anknüpfungspunkte, um Erfahrungen zu teilen.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Dr. Ulf Steinberg

Dr. Ulf Steinberg ist als Manager in der Unternehmensberatung Manres AG in Berlin tätig. Bis 2021 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Forschungs- und Wissenschaftsmanagement der Technischen Universität München tätig. Der Psychologe promovierte 2019 in der BWL über den Einfluss von Macht auf das Verhalten in Organisationen und die digitale Transformation von Mitarbeiterführung und Management an der TUM School of Management. Dr. Ulf Steinberg ist zudem systemischer Coach, der mit oberen Führungsebenen arbeitet. Dr. Ulf Steinberg ist Mitglied in mehreren Fachverbänden und arbeitet in der Open-Science-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit.

Kontakt: ulf.steinberg@manres.com

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-7222-376X

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/ulfsteinberg/?originalSubdomain=de

ResearchGate: https://www.researchgate.net/profile/Ulf-Steinberg




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