Forschungsdaten zu teilen, hilft vor allem Pre-Docs

Moritz Appels über seine Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Moritz Appels

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Zenodo.org ist ein gutes Tool, um Forschungsergebnisse mit seinen Peers und anderen Interessierten zu teilen. User können sowohl ihre Datensätze teilen, aber auch Software, Publikationen oder Präsentationen.
  • Wer die Forschungsdaten von Kolleg:innen nutzen möchte, bekommt sie oft auf persönliche Nachfrage.
  • Wer sich ein gutes Netzwerk aufbauen möchte, teilt seine Forschungsergebnisse, auch die Zwischenergebnisse. Oft können sich Pre-Docs Codierungsarbeiten u.a. teilen.

Sie beschäftigen sich mit Unternehmensaktivismus. Was ist der Unterschied zu Lobbyarbeit oder Corporate Social Responsibility?

MA: Ich befasse mich ganz breit gesprochen mit der Intersektion von Wirtschaft und Politik. Insbesondere interessieren mich die Fälle, in denen die Wirtschaft in die Politik eingreift oder dort mitzuwirken versucht. Dies kann verschiedene Formen annehmen wie Corporate Social Responsibility, Lobbying oder Aktivismus. Ich selbst befasse mich vor allem mit Aktivismus. Aktivismus unterscheidet sich von den anderen Aktivitäten insofern, dass sich die Unternehmen – bzw. häufig deren CEOs – mit Themen befassen, die gesellschaftlich nicht eindeutig erwünscht, sondern sehr kontrovers sind. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel eine Geldsumme an ein Kinderhilfswerk spendet, ist dies gesellschaftlich unstrittig. Wenn sich allerdings in Texas, wo ich mich aktuell aufhalte, ein Unternehmen für das Recht auf Abtreibung ausspricht, dann wird hier ein relevanter Teil der Bevölkerung auf die Barrikaden steigen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Aktivismus und CSR. Es muss auch gar kein Geld fließen. Im Unterschied zur Lobbyarbeit geht es beim Aktivismus um das öffentliche und sichtbare Aussprechen. Lobbying passiert meist hinter verschlossenen Türen. Mit dieser Sichtbarkeit und Kontroverse von Aktivismus befasse ich mich. Ich schaue mir beispielsweise an, wie Konsument:innen oder Arbeitssuchende darauf reagieren und welche politischen Auswirkungen auf die Gesellschaft zu beobachten sind.

Was ist Ihr Forschungsgegenstand?

MA: Wir führen viele Experimente durch, planen aber auch Interviewstudien. Wir haben außerdem große Umfragen und machen Paneldatenforschung, bei der wir anhand von Archivmaterial schauen, wann CEOs oder Unternehmen zu welchem Thema Stellung bezogen haben und ob dies einen Effekt beispielsweise auf den Aktienkurs hatte. Das sind unsere typischen Datenquellen.

Seit wann spielt Open Science für Sie eine Rolle?

MA: Ich habe meinen Bachelor an einer Fachhochschule gemacht und bin dort sehr früh mit einer Paywall in Kontakt gekommen. Da habe ich gemerkt, dass man Geld braucht, um mitspielen zu können. Als ich dann im Rahmen meiner Promotion einen Paneldatensatz bauen wollte, stand ich vor der Herausforderung, dass viele Variablen per Hand gecodet werden mussten. Ich wusste ehrlicherweise nicht, wie ich das neben den anderen Projekten innerhalb meiner dreijährigen Promotionszeit überhaupt schaffen sollte. Ich habe mich mit einem anderen Doktoranden darüber unterhalten, der ein ganzes Jahr damit verbracht hat, die Standard-Kontrollvariablen zusammenzusuchen. Und das sind noch nicht die spannenden Variablen. Da mich auch Persönlichkeitsaspekte von CEOs interessieren, zum Beispiel der Grad an Narzissmus, habe ich während meines letzten Jahres im Master ein halbes Jahr damit verbracht, Geschäftsberichte von Unternehmen durchzugehen und zu schauen, wie groß das Bild eines CEOs ist. Dieses Fotografiemaß wird als ein Indikator für Narzissmus genutzt. Das war sehr zeit- und arbeitsintensiv, ich habe da Vollzeit dran gesessen. Das hätte ich mir komplett sparen können, weil dieses Maß schon sehr viele Forschende auf ihrem Rechner liegen haben. Aber niemand teilt es. Ich habe mich gefragt, warum nicht, und beschlossen, dass wir die letzten waren, die dieses Fotografiemaß erneut erheben mussten. Deshalb steht es jetzt auch auf Zenodo. Das war für mich der erste Berührungspunkt mit Open Science. Es würde helfen, wenn nicht alle Forscher:innen einen Großteil ihrer Zeit mit Datenerhebungen verbringen müssten. Das gilt insbesondere für jene, die gerade erst starten und voller Enthusiasmus und Ideen sind und dann aber buchstäblich gegen verschlossene Türen laufen.

Wie sind Sie zum Wikimedia-Fellow-Programm gekommen?

MA: Das Fellow-Programm wurde in einem Newsletter der Universität Mannheim erwähnt. Mein Kollege Marc Kowalzick und ich hatten damals schon geplant, dass wir Narzissmusdaten und andere Daten erheben wollen. Wir hatten auch recht frühzeitig festgelegt, dass wir die Daten auf jeden Fall online stellen. Damit haben wir gut ins Programm gepasst, Förderung erhalten und konnten einen Teil der Arbeit auslagern.

Auf der Webseite des Fellow-Programms „Freies Wissen“ sagen Sie „Open Science bedeutet für mich auch die Chancengleichheit bei der Verfolgung von Forschungsfragen“. Was meinen Sie damit?

MA: Zum einen sollte jede:r FH-Student:in genauso auf Literatur zugreifen können wie Studierende an Exzellenz-Universitäten. Ich halte es sonst für sehr unfair. Zudem sollte es nicht nur auf Deutschland bezogen Chancengleichheit geben, sondern auch länderübergreifend. Insbesondere wenn es um Datensätze geht, haben nicht alle Universitäten, insbesondere in finanzschwächeren Ländern, das Geld, um an die relevanten Datensätze heranzukommen. Ohne gute Forschungsdaten kann man aber im Forschungswettbewerb nicht mitspielen. Das ist in meinen Augen unfair. Und zum dritten sollte es Chancengleichheit hinsichtlich der Karrierestufe geben. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn man recht frisch anfängt und die ersten Jahre effektiv mit dem Coding von Artikeln beschäftigt ist, weil man als Pre-Doc nicht unbedingt eine Hand voll studentischer Hilfskräfte hat, dann hat man nach zwei Jahren seine Daten zusammen und kann mit der ersten Forschungsidee anfangen. Nach zwei Jahren sind dann aber die Daten zwischenzeitlich schon wieder veraltet und das finde ich sehr schade. Es ist zwar nicht alles eine Geldfrage, aber gerade in der Strategieforschung ist es so, dass viele Forschungsfragen nicht verfolgt werden können, wenn man nicht über die entsprechenden Geldmittel verfügt. Auch in der Finanzforschung brauchen die Autor:innen teilweise dreistellige Geldmittel, um ihr Manuskript überhaupt in einem Journal einreichen zu können. Das kann sich natürlich nicht jede Einrichtung leisten.

Wie reagiert Ihr Umfeld, wenn Sie teilen und veröffentlichen, gerade wenn es noch nicht fertig ist?

MA: Meine Betreuerin ist da sehr positiv. Wir haben zusammen ein Paper geschrieben, das sich aktuell im Reviewprozess befindet, und es hieß eingangs auch, sobald wir eine Working-Paper-Version haben, laden wir die hoch.

Gibt es eine junge Avantgarde in Ihrem Forschungsfeld, die das Thema Openness antreibt?

MA: Ich bin natürlich noch nicht lange genug dabei, um holistische Aussagen über mein Forschungsfeld machen zu können. Die Menschen in meinem näheren Umfeld, insbesondere in der Strategieforschung, freuen sich alle, sobald jemand spannende Datensätze findet, die öffentlich zugänglich sind. Das wird dann auch gestreut. Alle Promovierenden, mit denen ich zwecks Datentausch gesprochen habe, fanden das sehr gut. Das ging immer recht unkompliziert und flott. Ich muss zugeben, ich habe aber nie nachgefragt, warum die Daten nicht auf einem Repository veröffentlicht werden. Mir fällt aber auf, dass immer mehr Senior Researcher in der Strategieforschung, d.h. Professor:innen, vermehrt Wert auf Open Science legen. Das Strategic Management Journal, eins der wichtigsten Outlets in dem Bereich, hat jüngst begonnen Publikationen zu Open-Access-Datensätzen zu akzeptieren. Ein Artikel zur Erstellung des Datensatzes wird im Journal publiziert und über einen Link kann dann auf die Daten (z.B. Zenodo o.ä.) zugegriffen werden. Anfangs war ich eher skeptisch und hielt es für ein Lippenbekenntnis, aber vor kurzem wurde tatsächlich ein Paper von Richard J Gentry et al. dort veröffentlicht und das finde ich eine tolle und neue Entwicklung. Es ist ein großer Schritt, dass zum einen ein Top-Journal solche Anreize setzt und zum anderen, dass es auch von Top-Forscher:innen angenommen und umgesetzt wird.

Haben Sie Ihre gesammelten Daten schon veröffentlicht?

MA: Von Marc Kowalzick und mir gibt es eine erste Version auf Zenodo namens „Dataset for Manually Coded Firm Founding Dates, CEO Duality, and CEO Photograph Prominence in Annual Reports“. Wir haben den Datensatz durch das Fellow-Programm nochmal erweitern können.

Wenn Sie selbst Publikationen konsumieren, achten Sie darauf, ob Daten für die bessere Nachvollziehbarkeit verlinkt sind?

MA: Ja, auf jeden Fall. In der Psychologieforschung scheint es weitaus verbreiteter zu sein. Gerade bei experimentellen Studien, denke ich mir immer, dass es eigentlich auch nicht das Problem sein dürfte. Insbesondere auch die methodischen Appendizes finde ich sehr spannend.

Wie haben Sie als Fellow den gegenseitigen Austausch wahrgenommen? Lernen Sie da etwas, das Sie mit Ihren Mit-Doktorand:innen teilen?

MA: In der Zeit des Fellowships habe ich wahnsinnig viel gelernt. Ich muss zugeben, dass ich zum Beispiel vorher nicht wusste, was Zenodo ist. Ich habe mich viel mit meinem Mentor Maximilian Heimstädt dazu ausgetauscht, wo man am besten Forschungsergebnisse veröffentlichen kann. Da habe ich gelernt, was Zenodo für ein cooler Raum ist und wofür man GitHub alles noch nutzen kann. Ich habe viele Grundlagen kennengelernt, und ich habe die Sinnhaftigkeit von Open Science verstanden. Nachdem ich durch Closed Science teils wirklich frustriert war, habe ich durch das Fellow-Programm die Lösungsansätze kennengelernt. Vorher war Meckern. Jetzt kann ich ändern. In meinem Netzwerk habe ich schon mehrfach meinen Zenodo-Link zum Datensatz verschickt.

Welche Tipps und Tricks würden Sie interessierten Wirtschaftswissenschaftler:innen geben, die noch gar keine Erfahrung mit Open Science haben?

MA: Noch einmal: ich bin absoluter Junior-Forscher, aber vielleicht wäre ein Rat für andere Juniorforscher:innen: Unterschätzt nicht, wie bereitwillig Professor:innen ihre Daten am Ende doch teilen würden. Wir haben mit einem US-Prof über unser Vorhaben gesprochen, quasi mit dem Godfather im Videometrics-Bereich, der große Bereitschaft gezeigt hat, Daten zu teilen. Ich habe das Gefühl, die Open-Science-Idee ist schon sehr beliebt, wird nur noch nicht so oft umgesetzt. Meiner Meinung nach nicht nur aus einer gewissen Wettbewerbsangst, sondern auch weil die legalen und moralischen Fallstricke teilweise unklar sind, etwa wenn es um CEO-Daten geht. Ich war überrascht, wie viele Professor:innen ihre einzigartigen Daten auf ihren Webseiten veröffentlichen. Also mein Tipp: Gerne direkt auf den Webseiten der Erstautor:innen schauen, von denen Ihr gern die Daten hättet. Und sprecht mit Kolleg:innen und tauscht Euch aus. Ich kenne nur Doktorand:innen, die sich freuen, ihre Sachen zu teilen und in den Austausch zu gehen. Alle freuen sich, wenn sie etwas Arbeit teilen können.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Moritz Appels

Moritz Appels ist Doktorand am Lehrstuhl für Nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Mannheim. In seiner Forschung beschäftigt er sich primär mit dem Zusammenwirken von politischen und wirtschaftlichen Akteuren. Zudem absolviert er das Promovierendenkolleg „Ethics and Responsible Leadership in Business“ des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik. Moritz Appels ist Alumnus des Fellow-Programms „Freies Wissen“ von Wikimedia und war vom 1. Oktober bis zum 30. November für einen Forschungsaufenthalt an der Jones Graduate School of Business at Rice University in den USA.

Kontakt: https://www.bwl.uni-mannheim.de/schons/team/moritz-appels-msc/

ORCID-ID: https://orcid.org/ 0000-0002-5015-8004

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/moritz-appels-a0b49a14a/?originalSubdomain=de




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