Ich will zeigen, dass Wirtschaftswissenschaft cool ist

Dr. Agne Kajackaite über ihre Open-Science-Erfahrungen

Porträt von Dr. Agne Kajackaite

Die drei wesentlichen Learnings:

  • Präregistrierungen sind vorverlegte Arbeit, die eine Struktur für den Forschungsalltag gibt.
  • Auch insignifikante Ergebnisse, sog. Nullergebnisse, können veröffentlicht oder auf Konferenzen präsentiert werden.
  • Nullergebnisse publik zu machen, nützt der gesamten Fachcommunity. Es hilft zum Beispiel, andere Studien zum gleichen Thema besser einzuschätzen.

Sie sind Verhaltensökonomin und forschen zu Lügen und Incentives. An welchen Themen sind Sie gerade dran?

AK: Jetzt analysiere ich, wie Leute über einen längeren Zeitraum lügen. Normalerweise haben wir bei Experimenten in den Wirtschaftswissenschaften nur eine Runde. Jetzt schaue ich mir das auf lange Sicht an. Eine andere Studie dreht sich um Lügen und soziales Image. Also Lügen, um im sozialen Status gut dazustehen. Es ist ähnlich wie in der Sozialpsychologie, aber die Methodik ist anders und natürlich auch die Bedeutung für die Ökonomie. Lügen sind beispielweise wichtig im Kontext von Korruption, Steuerabgaben oder Ähnlichem.

Welche Rolle spielt Open Science für Sie und Ihre tägliche Arbeit?

AK: Ich beschäftige mich viel mit Wissenschaftskommunikation. Früher habe ich das nicht gemacht, aber als das Temperatur-Experiment „Battle for the thermostat“ global so populär geworden ist, habe ich Hunderte von Interviews gegeben. Unsere Studie war Thema in über 60 Ländern, von Simbabwe bis Taiwan. Tom Y. Chang, mein Co-Autor in Los Angeles, und ich haben zwei Wochen lang nur Interviews geführt und auch jetzt nach zwei Jahren gibt es immer noch Interviewanfragen. Also habe ich angefangen, sehr viel zu kommunizieren, nicht nur diese Studie über Gender und Raumtemperatur, sondern auch andere Studien. In Litauen, wo ich herkomme, haben irgendwann alle darüber gesprochen „Litauische Wissenschaftlerin wird auf der ganzen Welt diskutiert“. Wenn man aus so einem kleinen Land kommt und es wird in der New York Times über einen berichtet, sind das quasi nationale Nachrichten. Ich werde noch heute angefragt für Gastartikel oder Interviews.

Welche Bedeutung hat Wissenschaftskommunikation für Sie?

AK: Ich will vor allem in Litauen zeigen, dass man als junge Frau auch Wissenschaft machen kann und dass es cool ist. Die Kommunikationsarbeit ist zwar sehr zeitintensiv, aber ich finde das sehr wichtig. Meine Mutter, die Lehrerin in Litauen ist, hat mir erzählt, dass viele Lehrer:innen in meiner Heimatstadt die Kinder dazu auffordern, Sendungen mit mir anzuschauen. Sie nutzen mich als konkretes Role Model und ermuntern die Kinder, auch in die Wissenschaft zu gehen. Ich glaube, so etwas ist gut für die junge Generation und auch für die Wissenschaftspopularisierung. Ich unterrichte auch an der Universität Vilnius, damit die Studierenden dort dafür sensibilisiert werden, was Verhaltensökonomik, Bounded Rationality Choices oder Prosocial Behavior ist und dass die VWL ein sehr breites Spektrum von Themen hat, nicht nur neoklassische Ansätze. Ich mache das, damit die Studierenden in Litauen wissen, was Verhaltensökonomik ist.

Welche Effekte hat Ihr Einsatz für die Wissenschaftskommunikation?

AK: Ich habe beispielsweise ein Angebot bekommen für ein populärwissenschaftliches Buch. „WO/MEN“ heißt es. Es geht um die Überlappungen und Unterschiede im Verhalten der Geschlechter und soll Ende des Jahres erscheinen. Ich schreibe es auf Englisch und der Verlag versucht, die Rechte auch an andere Länder zu verkaufen.

Warum investieren Sie Zeit in Wissenschaftskommunikation?

AK: Für mich ist es das Wichtigste, dass die Erkenntnisse nicht nur in meiner Schublade bleiben. Das meist zitierte Paper von mir hat ca. 280 Zitationen, also sagen wir, das sind 280 Wissenschaftler:innen. Aber wie wichtig ist das im Vergleich zu einem Podcast mit 20.000 Zuhörer:innen? Wenn Personen, die sonst überhaupt nichts mit Wissenschaft zu tun haben, ökonomische Themen auf verständliche Art und Weise erklärt bekommen und ich plötzlich große Aha-Effekte auslöse? Das ist für mich viel wichtiger. Die Paper, die wir schreiben, sind für Wissenschaftsexterne nicht verständlich. Deswegen mache ich mir auch die Arbeit mit dem Buch. Da werde ich bestimmt nicht Millionärin mit und es ist echt viel Arbeit, aber es ist wichtig für mich.

Machen Sie Präregistrierungen?

AK: Ja, das ist inzwischen fast ein Muss geworden. Früher waren Präregistrierungen ein Muss für Feldstudien, damit man nicht die Geschichte umschreibt, was tatsächlich auch gemacht wurde. In Laborstudien war das nicht üblich, aber jetzt ist es ein Trend. Ich präregistriere immer bei AsPredicted.org. Und ich sehe das auch, wenn ich als Gutachterin tätig bin, ob das gemacht wurde. Ich finde es nur etwas problematisch, dass einige Forscher:innnen Präregistrierung als eine Art Religion sehen. Sie machen es also genauso wie im Vorfeld beschrieben, obwohl bei den ersten Experimenten Unerwartetes herauskommt oder auch gar nichts. Da muss man dann eben andere Treatments machen. Wenn es bei mir nicht so läuft wie geplant oder wir einen Fehler im Forschungsdesign bemerken, dann präregistriere ich eine neue Studie. Ich schreibe daher in meinem Paper z.B. „We pre-registered this paper in a different way but we failed. We stopped running it after the first session and then we registered a new treatment.“ Wir präregistrieren und wenn etwas nicht klappt, legen wir trotzdem alles offen. Wir geben also zu, dass es hier und da Fehler gab und wir unser Design umgestellt haben. Aber einige denken, wenn man in der Präregistrierung etwas anfangs aufgeschrieben hat, muss man es genauso umsetzen und darf nichts ändern – egal was an Ergebnissen herauskommt. Ich denke: Alles, was man macht, muss offengelegt werden, man muss aber anpassungsfähig sein. 

Das heißt wenn es zu insignifikanten, zu Nullergebnissen kommt, dann veröffentlichen Sie auch?

AK: Ja, also ich habe noch nie Daten nicht publiziert. Wir haben beispielsweise 2018 acht Treatments gemacht, die mit hohen Risiken verbunden waren. Wir haben 20.000 EUR ausgegeben und dann null, überall null. Sehr frustrierend. Trotz des starken Nulleffekts haben wir das veröffentlicht. Viele würden wahrscheinlich sagen: „Kill the project“. Man kann alles veröffentlichen, beispielsweise als Kurztext im JESA – Journal of European Science Association oder bei Economic Letters. Bei dem Projekt, das wir letzte Woche bei Prolific mit 2.000 Leuten gemacht haben, ist auch ein Nulleffekt herausgekommen. Wir haben erwartet, dass Leute, die Kinder haben, weniger lügen. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Menschen, die Kinder haben, sich prosozialer verhalten. Wir haben Experimente mit vielen Leuten gemacht und es gab überhaupt keinen Effekt. Zero. Und trotzdem machen wir ein kompaktes Paper und schicken das raus. Das ist nicht nur hilfreich für andere Forscher:innen, sondern es nimmt auch Gewicht aus den Studien, die vorher postuliert haben, dass beispielsweise Väter von Töchtern prosozialer seien als andere Männer.

Werden Sie mit solchen Nullergebnissen auch zu Vorträgen eingeladen oder können Sie das publizieren?

AK: Die Ergebnisse kann man zum Beispiel im Journal of Economic Behavior & Organization publizieren. Vortrag geht auch, aber eher kurz, nur 20 Minuten.

Welche Rolle spielt Open Access für Sie?

AK: Die Veröffentlichung der Temperatur-Studie bei PLOS ONE kostete ca. 2.000 Dollar, das hat das WZB bezahlt. Die Armuts-Studie in Thailand („Does poverty negate the impact of social norms on cheating?) ist in Games and Economic Behaviour veröffentlicht und es kostete auch ca. 2.000 Dollar, das im Open Access veröffentlichen zu lassen. Die Autorengebühren hat in diesem Fall aber meine thailändische Co-Autorin Suparee Boonmanunt bezahlt, weil sie dafür Geld hatte und ausgeben musste. Die Zahl der Zitationen ist erfreulich. Die Daten teile ich auch, weil in den letzten Jahren auch erwartet wurde, dass man die Daten als ergänzendes Material zur Verfügung stellt. Instruktionen teile ich immer, damit man das replizieren kann.

Wie stehen Sie zum Thema Replikation?

AK: Ich finde Replikationen sehr wichtig. Genau deswegen wurden auch diese Mega- Replikationsstudien gemacht, erst in der Psychologie und dann auch in den Wirtschaftswissenschaften. Es hat sich viel geändert in den letzten neun Jahren. Studien sind viel größer und aufwändiger geworden, die Zahl der Proband:innen betreffend. In meiner ersten Studie damals hatte ich 20 Personen in jedem Treatment. Im Vergleich dazu: Das Paper, das ich aktuell schreibe, da hat jedes Treatment 140 Beobachtungen. Via Amazon M Turk (Amazon Mechanical Turk) haben wir drei Experimente mit jeweils 400 Leuten pro Treatment. Also es ist riesig und dann sind das vier Treatments mit 1.600 Personen. Es fällt auch auf, wenn man sich Präsentationen oder Abstracts von anderen Leuten anschaut: der beteiligte Personenkreis wird größer und größer. Deshalb sind sie auch besser replizierbar. Also ich finde diesen Trend gut, aber auch schlecht für die Leute, die nicht so ein großes Forschungsbudget haben, weil jetzt wird es schwieriger etwas zu publizieren, was 40 Beobachtungen pro Treatment hat, obwohl die Power hoch genug ist. Es ist populärer, Tausende Personen zu haben.

Sie beschäftigen sich als Verhaltenswissenschaftlerin mit Incentives: Was denken Sie über Incentives im Kontext von Open Science?

AK: Intrinsische Motivation ist nicht von außen zu evozieren. Was die extrinsische Motivation fördern kann, sind Zitationen. Wissenschaftler:innen sind verrückt nach Zitationen. Zitationen sind das größte Gut.

Wie sehen Sie Open Science in der Zukunft?

AK: Die Reise geht definitiv immer mehr in Richtung Open Science. In der Verhaltensökonomie hat sich in den letzten zehn Jahren so viel getan. Es gibt einen sehr großen Unterschied. Dass man Präregistrierungen macht, dass man versucht, die Studien zu replizieren, dass man Geld zahlt, damit das Open Access ist – das gab es früher nicht. Ich glaube, das ist erst in den letzten Jahren überhaupt möglich geworden. Der Unterschied ist riesig zu damals. Ich finde das klasse.

Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Dr. Doreen Siegfried.

Über Dr. Agne Kajackaite

Dr. Agne Kajackaite leitet die Forschungsgruppe „Ethics and Behavioral Economics“ am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Sie erforscht mittels ökonomischer Laborexperimente unethisches Verhalten wie Lügen, Täuschung und Korruption. Weitere Themen sind Anreize, Risikopräferenzen und Ignoranz.

Kontakt: https://www.wzb.eu/de/personen/agne-kajackaite

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-6414-6741

Twitter: https://twitter.com/agnekaj

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dr-agne-kajackaite-9689157a/




Zurück zum Open-Science-Magazin