Open Science braucht eine neue Debattenkultur in der BWL
Thomas Gehrig über seine Open-Science-Erfahrungen

Die drei wesentlichen Learnings:
- Open Science bedeutet nicht nur, dass Publikationen kostenlos zugänglich sind. Entscheidend ist auch die Möglichkeit der Teilhabe an der wissenschaftlichen Debatte. Offenheit erlaubt Teilhabe am Austausch von wissenschaftliche Argumenten, Begutachtungsentscheidungen, Kritik und allfälligen Korrekturen im Rahmen von Lernprozessen. Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht gerade dadurch, dass bestehende Ergebnisse überprüft und gegebenenfalls revidiert werden können.
- Wissenschaftliche Relevanz hängt auch davon ab, ob Ergebnisse über die eigene Fachcommunity hinaus verständlich und anschlussfähig sind. Offene Publikationen und sichtbare Debatten können dazu beitragen, dass Erkenntnisse aus Finance, Marketing, Organisation oder Produktion stärker miteinander verbunden werden.
- Offene Publikationsmodelle wie Diamond Open Access können nur dann dauerhaft funktionieren, wenn sie langfristig finanziert und in Berufungs-, Förder- und Bewertungsverfahren anerkannt werden. Das heißt, dass individuelles offenes Handeln allein nicht ausreicht, sondern Bibliotheken, Fachgesellschaften, Förderorganisationen, Universitäten und Herausgebende gemeinsam Strukturen schaffen müssen, in denen Offenheit keinen Karrierenachteil darstellt.
Warum braucht die BWL eine Open Access Transformation?
TG: Ob gerade die BWL sie in besonderem Maße braucht, sei dahingestellt. Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften insgesamt, und damit natürlich auch die BWL, müssen transparenter werden und ihre Forschungsergebnisse stärker nach außen kommunizieren. Forschung sollte öffentlich zugänglich und nachvollziehbar sein. Das ist der grundlegende Punkt.
Woran scheitert die Transformation bislang? Wenn Sie das gesamte Publikationssystem betrachten, an welcher Stellschraube würden Sie zuerst drehen?
TG: Wenn man die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen vergleicht, erkennt man erhebliche Unterschiede. In den Naturwissenschaften dienen Fachzeitschriften und wissenschaftliche Artikel vor allem der Kommunikation positiven Wissens. Wird beispielsweise eine neue Verbindung entdeckt, kann sie publiziert werden, sofern der Befund plausibel, korrekt und nachvollziehbar ist. Andere können ihn prüfen und auf ihm aufbauen. Positives neues Wissen wird auf diese Weise an den bestehenden Wissensstand angefügt. Die Aufgabe der Zeitschriften besteht darin, dieses Wissen zu sammeln und öffentlich zugänglich zu machen.
In den Wirtschaftswissenschaften tritt neben dieses positive Wissen eine starke normative Komponente hinzu. Es geht nicht allein darum, ob ein Beitrag methodisch und inhaltlich korrekt ist. Entscheidend ist häufig auch, ob er als relevant und hinreichend bedeutend eingeschätzt wird. Handelt es sich um einen großen Beitrag oder lediglich um eine kleinere Erweiterung des Forschungsstands? Welche gesellschaftspolitischen Implikationen werden gezogen? Solche Wertungen werden zunehmend als Ablehnungsgründe herangezogen. Typisch ist die Begründung, der Beitrag sei zwar korrekt, aber nicht bedeutend genug. Deutlich seltener werden Arbeiten abgelehnt, weil sie einen konkreten Fehler enthalten, eher weil politische Implikationen misfallen.
Ein zusätzliches Problem betrifft kritische Beiträge, die Fehler, irreführende Schlussfolgerungen oder zu enge Annahmen in bereits veröffentlichten Arbeiten aufzeigen. Solche Korrekturen waren vor zehn oder zwanzig Jahren möglicherweise noch leichter zu publizieren. Heute werden sie in manchen Zeitschriften beinahe als Majestätsbeleidigung behandelt. Abgelehnt werden sie meist unter anderen Vorwänden, nicht wegen des eigentlichen Konflikts.
Ich habe das selbst bei einer gemeinsam mit Koautor:innen verfassten Arbeit erlebt. Wir zeigten, dass die Ergebnisse eines bestehenden Beitrags nur unter sehr speziellen Bedingungen gelten und dass bei einer Verallgemeinerung der Annahmen andere Resultate entstehen. Zwei Gutachter:innen bewerteten unsere Arbeit nach mehreren Überarbeitungsrunden positiv. Ein dritter blieb jedoch grundsätzlich ablehnend. Vermutlich handelte es sich um einen Autor des ursprünglichen Beitrags. Die Herausgeberin beendete das Verfahren schließlich mit der Begründung, es habe keine Konvergenz zwischen den Gutachten gegeben.
Sinngemäß wurde uns erklärt, die Zeitschrift habe die frühere Arbeit bereits publiziert und könne nun nicht ohne Weiteres eine Arbeit akzeptieren, die deren Ergebnisse infrage stelle. Diese Offenheit war bemerkenswert, offenbarte aber zugleich ein problematisches Wissenschaftsverständnis. Wissenschaft lebt davon, dass Fehler erkannt und korrigiert werden. Auch die Korrektur eines Fehlers ist ein wissenschaftlicher Beitrag, mitunter sogar ein sehr bedeutender.
Ein bekanntes Beispiel ist Harold Hotellings Aufsatz zum Prinzip der minimalen Differenzierung. In einem räumlichen Wettbewerbsmodell untersuchte Hotelling, weshalb sich etwa zwei Banken oder Geschäfte häufig am selben Standort ansiedeln, anstatt sich geografisch voneinander zu entfernen und unterschiedliche Teile einer Stadt abzudecken. Er entwickelte dafür ein Modell und veröffentlichte die Arbeit 1929 im Economic Journal. Auch solche einflussreichen Modelle müssen jedoch überprüfbar und gegebenenfalls korrigierbar bleiben.
Das ist beinahe einhundert Jahre her.
TG: Rund fünfzig Jahre später wurde gezeigt, dass Hotellings Ergebnis nicht zutrifft. Thisse und seine Koautor:innen wiesen nach, dass an der Stelle, an der Hotelling ein Gleichgewicht vermutete, tatsächlich keines existiert. Die Reaktionsfunktion ist dort unstetig. Entschärft man das Modell, indem man den Preiswettbewerb weniger rigoros ausgestaltet, ergibt sich zudem nicht minimale, sondern maximale Differenzierung, also exakt das Gegenteil.
Ich erwähne dieses Beispiel, weil es zeigt, wie wissenschaftliches Lernen und wissenschaftlicher Fortschritt funktionieren. Hotelling entwickelte sein Modell zu einer Zeit, als die Spieltheorie noch nicht formal etabliert war. Sein Prinzip der minimalen Differenzierung erwies sich später in einem strategischen Modell als nicht tragfähig. Berechnet man für das von ihm beschriebene Spiel ein Nash-Gleichgewicht, funktioniert die ursprüngliche Vermutung nicht. Sucht man stattdessen durch einfache Modifikationen nach stabilen Zuständen, gelangt man sogar zu anderen Ergebnissen, i.e. von minaler zu maximaler Differenzierung. Diese Korrektur war ein wichtiger Erkenntnisfortschritt.
Ich möchte auf meinen Ausgangspunkt zurückkommen. Einige Bereiche unserer Disziplin sind stark hierarchisch und doktrinär geprägt. Ist ein Ergebnis einmal publiziert, werden kritische Einwände oder Gegendarstellungen nur ungern zugelassen. Es gibt nur wenige Zeitschriften, die ausdrücklich Formate für Kommentare, Repliken oder Korrekturen vorsehen. Dabei sollte es selbstverständlich sein, einen veröffentlichten Beitrag zu kritisieren, wenn er einen Fehler enthält. Ein solcher Fehler muss richtiggestellt werden können. Bei unterschiedlichen Interpretationen eines Modells bewegen wir uns wiederum auf der normativen Ebene. Darüber kann und sollte man diskutieren. Eine wissenschaftliche Zeitschrift wäre der geeignete Ort, um eine solche Debatte öffentlich und nachvollziehbar zu führen.
Für viele Forschende zählt vor allem das Renommee der Zeitschrift, etwa bei Bewerbungen oder Drittmittelanträgen. Ob ein Beitrag tatsächlich gelesen wird, scheint mitunter zweitrangig. Warum braucht die BWL dennoch Open Access und alternative Modelle wie Diamond Open Access?
TG: Open Access ist nur ein Teil der Antwort. Ebenso wichtig ist die Frage, wie transparent Begutachtungs- und Auswahlprozesse sind. Gerade wenn bei Ablehnungen nicht nur fachliche, sondern auch normative oder ideologische Erwägungen eine Rolle spielen, sollten diese nachvollziehbar sein. Bleibt der gesamte Prozess geheim, entsteht leicht der Eindruck, alles Publizierte sei richtig und müsse nicht mehr hinterfragt werden. Das widerspricht einem offenen Wissenschaftsverständnis. Wissenschaft muss Kritik und Korrektur ermöglichen. Wissenschaft lebt durch den Austausch von Argumenten.
Das größere Problem liegt also nicht allein beim Zugang zu Publikationen?
TG: Genau. Hinzu kommt, dass wir inhaltliche Qualität häufig durch Reputationssignale ersetzen. Eine Arbeit gründlich zu lesen, ihre Methoden zu verstehen und ihre Argumente zu beurteilen, ist anspruchsvoll. Einfacher ist es, auf Journalrankings und bibliometrische Kennzahlen zu schauen. Solche Indikatoren erleichtern Entscheidungen, sagen aber nur begrenzt etwas über die Qualität eines einzelnen Beitrags aus. Besonders problematisch wird es, wenn sie Berufungen, Drittmittelentscheidungen und den Zugang zum wissenschaftlichen Arbeitsmarkt dominieren.
Wer profitiert von diesem System?
TG: Wer die Standards führender Zeitschriften prägt, beeinflusst zugleich den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt. Dahinter stehen fachliche, institutionelle und auch kommerzielle Interessen. Renommierte Universitäten profitieren davon, wenn ihre Zeitschriften, Abschlüsse und Netzwerke als Qualitätsmaßstab gelten. Die University of Chicago ist dafür ein gutes Beispiel. Ihre Zeitschriften und ihre wissenschaftliche Reputation prägen die Wirtschaftswissenschaften erheblich. Das ist nicht grundsätzlich problematisch. Kritisch wird es, wenn Reputation die inhaltliche Bewertung ersetzt und ein Teil des Qualitätsmanagements faktisch an wenige führende Institutionen ausgelagert wird.
Was müsste sich konkret ändern?
TG: Zeitschriften sollten nicht nur auswählen, sondern auch wissenschaftliche Debatten ermöglichen. Dazu gehören Kommentare, Repliken, Korrekturen und die Möglichkeit, auf Kritik zu antworten. Open Review hat Vor- und Nachteile. Nicht jeder Schritt muss vollständig öffentlich sein. Entscheidend ist aber eine Kultur der nachvollziehbaren Auseinandersetzung. Open Access schafft den Zugang zu den Beiträgen. Open Science geht darüber hinaus. Argumente müssen sichtbar ausgetauscht, Fehler korrigiert und etablierte Positionen überprüft werden können.
Wissenschaft lebt vom Austausch der Argumente. Der Wissenschaftsbetrieb ist jedoch stark kompetitiv. Für viele Nachwuchsforschende geht es zunächst darum, die nächste Stelle zu bekommen und im System zu bleiben. Ist eine offene Debattenkultur unter diesen Bedingungen überhaupt realistisch?
TG: Der Wettbewerb könnte wissenschaftliche Debatten durchaus fördern. Wer eine gute Idee hat oder Schwächen in einer bestehenden Arbeit erkennt, sollte seine Argumente publizieren können, notfalls in einer anderen Zeitschrift. Voraussetzung ist allerdings, dass es tatsächlich konkurrierende Publikationsorte gibt. Problematisch wird es, wenn die Herausgebergremien führender Zeitschriften eng miteinander verflochten sind. Um die Jahrtausendwende gab es darüber eine intensive Debatte in den Top-Zeitschriften der Finanzwirtschaft. Herausgeber:innen kritisierten damals, dass abgelehnte Manuskripte nahezu unverändert bei der nächsten Zeitschrift eingereicht wurden. Aus Sicht der Autor:innen war das jedoch nachvollziehbar. Wenn eine Ablehnung keine substanzielle fachliche Begründung enthält, gibt es auch wenig Gründe zur Verbesserung des Manuskripts.
Hat sich diese Verflechtung inzwischen verringert?
TG: Die formalen Governance-Regeln wurden verbessert. Herausgeber:innen dürfen beispielsweise nicht mehr gleichzeitig in mehreren vergleichbaren Gremien tätig sein. Das schafft eine bessere Governance. Die Netzwerke und die Gatekeeper-Funktion bestehen aber weiterhin, nur eben weniger offensichtlich. Wenige Personen und Institutionen entscheiden damit, welche Themen, Methoden und Kritikformen Zugang zu den führenden Zeitschriften erhalten. Dieser Einfluss auf wissenschaftliche Karrieren ist erheblich.
Gibt es Zeitschriften, die bewusst Gegenpositionen Raum geben?
TG: In der Finance wurde beispielsweise Critical Finance Review gegründet, um methodisch solide Arbeiten zu veröffentlichen, die etablierte Ergebnisse kritisch prüfen. Für Nachwuchsforschende kann eine solche Publikation jedoch riskant sein. Das Journal zählt nicht zu den maßgeblichen Top-Rankings, und wer einflussreiche Arbeiten kritisiert, kann sich mit etablierten Wissenschaftler:innen anlegen. Für mich ist dieses Risiko geringer, weil ich eine feste Position habe. Für jemanden am Anfang der Karriere kann eine solche Entscheidung dagegen berufliche Nachteile haben. Daran sieht man, wie hart der Wettbewerb auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt tatsächlich geführt wird.
Wer trägt die Verantwortung für diese Anreize?
TG: Nicht nur die Zeitschriften. Auch Berufungskommissionen, Universitäten und Forschungsförderorganisationen haben das System lange gestützt, indem sie Journalrankings und Impact-Faktoren stark gewichtet haben. Inzwischen werden solche Kennzahlen teilweise zurückgenommen. Dennoch dienen bestimmte Zeitschriftenlisten weiterhin als Abkürzung für Qualität. Das ist problematisch, weil sich diese Listen häufig auf eine begrenzte Auswahl etablierter Zeitschriften und Verlage konzentrieren. Kleinere, unabhängige oder kritische Publikationsorte werden dadurch benachteiligt. Jede Verengung des Kreises anerkannter Zeitschriften beschränkt letztlich den wissenschaftlichen Wettbewerb.
Wissenschaftsgeleitete Modelle wie OLEcon, die Open Library Economics der ZBW, sollen eine Alternative zum kommerziellen Publikationssystem schaffen. Doch wie tragfähig sind sie langfristig? Was müssen solche Modelle leisten, damit sie sich etablieren können?
TG: Das Publikationsmodell allein reicht nicht aus. Entscheidend ist auch, wie wissenschaftliche Leistung bewertet wird. Solange Zeitschriftenrankings bei Berufungen, Förderentscheidungen und wissenschaftlichen Karrieren eine zentrale Rolle spielen, bleiben alternative Publikationsorte strukturell benachteiligt.
Sie denken dabei an Rankings wie das VHB-JOURQUAL?
TG: Ja. Das Grundproblem liegt im Versuch, sehr unterschiedliche Fachgebiete in eine einheitliche Rangordnung zu bringen. Die BWL umfasst beispielsweise Finance, Marketing, Produktion, Organisation und Wirtschaftsinformatik. Diese Disziplinen bearbeiten unterschiedliche Fragen und haben eigene Qualitätsmaßstäbe. Als Ökonom:innen wissen wir, dass sich solche heterogenen Präferenzen nicht ohne Weiteres zu einer eindeutigen Gesamtrangfolge verdichten lassen. Durch bestimmte Gewichtungen kann man zwar eine Zahl erzeugen. Diese vermittelt aber eine Objektivität, die tatsächlich nicht gegeben ist. Je nach Auswahl und Gewichtung der Kriterien können sehr unterschiedliche, ja geradezu beliebige Rangfolgen entstehen, wie der Nobelpreisträger Kenneth Arrow vor langer Zeit gezeigt hat.
Das heutige VHB-Rating arbeitet deshalb mit fachspezifischen Teilratings.
TG: Das ist aus meiner Sicht der sinnvollere Weg. Die wissenschaftlichen Kommissionen können besser beurteilen, welche Zeitschriften in ihrem jeweiligen Bereich relevant sind. Eine solche Differenzierung wird der Vielfalt der BWL eher gerecht und eröffnet mehr Wettbewerb als eine einheitliche Liste für das gesamte Fach. Allerdings dürfen auch fachspezifische Ratings nicht die inhaltliche Bewertung einer einzelnen Arbeit ersetzen. Ein Journal kann Orientierung bieten. Es sagt aber nicht automatisch etwas über die Qualität, Originalität oder Wirkung eines jeden darin veröffentlichten Beitrags aus.
Wo bleiben dabei fachübergreifende Zeitschriften?
TG: Genau hier entsteht eine Schwierigkeit. Das Schmalenbach Journal of Business Research, das aus Business Research hervorgegangen ist, versteht sich beispielsweise als fachübergreifende Zeitschrift. Wir wollen ganz explizit eine Zeitschrift für die Allgemeine Betriebswirtschaft sein, so wie sie in früheren Jahren auch als ABWL unterrichtet worden ist. So behandeln wir aktuelle Themen wie Digitalisierung, Transparenz, Resilienz oder künstliche Intelligenz aus unterschiedlichen betriebswirtschaftlichen Perspektiven. Der Mehrwert besteht darin, Erkenntnisse aus verschiedenen Teildisziplinen zusammenzuführen. Eine solche Zeitschrift lässt sich aber schwer einem einzelnen Fachgebiet und damit einem einzigen Teilrating zuordnen. Daraus darf Nachwuchswissenschaftler:innen kein Nachteil entstehen. Entscheidend sollte sein, ob eine Arbeit wissenschaftlich überzeugt, gelesen und aufgegriffen wird.
Kann Open Access dabei helfen, wissenschaftliche Wirkung sichtbarer zu machen?
TG: Ja. Bei Business Research haben wir erlebt, dass frei zugängliche Beiträge fachübergreifend stark rezipiert wurden. Arbeiten zur organisationalen Resilienz erreichten enorm hohe Zitationszahlen und prägten die weitere Forschung. Open Access hat dazu beigetragen, weil die Beiträge ohne Zugangshürden verfügbar waren. Das zeigt, dass die Wirkung einer Arbeit nicht allein vom Rang der Zeitschrift abhängt. Ein Beitrag kann inhaltlich sehr einflussreich sein, obwohl das Publikationsorgan in einem bestimmten Ranking nicht zur höchsten Kategorie zählt.
Was muss sich deshalb in der Forschungsbewertung ändern?
TG: Wir müssen einzelne Arbeiten stärker nach ihrem Inhalt und ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen Wirkung beurteilen. Förderorganisationen wie die DFG oder der österreichische FWF gehen inzwischen stärker in diese Richtung und rücken von einer rein kennzahlenbasierten Bewertung ab. Das ist wichtig, aber es verlangt mehr Arbeit. Gutachter:innen, Berufungskommissionen und Kollegien müssen Publikationen tatsächlich lesen, die Argumente prüfen und ihre Bedeutung für das jeweilige Forschungsfeld beurteilen. Ein Journalname oder ein Ranking kann diese fachliche Bewertung nicht ersetzen. Wissenschaftsgeleitetes Publizieren wird daher nur dann zu einer tragfähigen Alternative, wenn sich zugleich die Bewertungs- und Berufungskultur verändert. Open Access schafft Zugang. Damit daraus ein nachhaltiges Publikationssystem wird, müssen offene Publikationsorte auch bei Forschungsbewertungen und wissenschaftlichen Karrieren anerkannt werden.
Ein möglicher Weg wäre, renommierte Zeitschriften aus den kommerziellen Verlagsstrukturen zu lösen und in Diamond Open Access zu überführen. Weder Autor:innen noch Lesende müssten dann Gebühren zahlen. Finanziert würden die Journals beispielsweise durch Bibliothekskonsortien. Bislang lässt sich dieses Modell allerdings nur schrittweise und häufig mit befristeter Finanzierung umsetzen. Wie könnte ein nachhaltiges Flipping gelingen?
TG: Grundsätzlich halte ich diesen Weg für sinnvoll. Das Problem beginnt jedoch bereits bei der Frage, welche Zeitschriften als förderungswürdig gelten. Auch das Leopoldina-Papier orientiert sich an von kommerziellen Anbietern etablierten Qualitätsindikatoren und übernimmt damit teilweise die Logik des bestehenden Systems. Wer den Kreis relevanter Zeitschriften anhand kommerzieller Indizes festlegt, wie etwa das von Clarivate geführte Web of Science, schließt andere nicht-kommerzielle Publikationsorte von vornherein aus.
Welche Erfahrungen haben Sie damit bei Business Research gemacht?
TG: Business Research wurde zunächst vom Verband finanziert und veröffentlichte bis 2017 zwölf Open-Access-Artikel pro Jahr. 2018 steigerten wir die Zahl auf 18, schließlich auf 46 Beiträge. Der Verlag kam uns dabei finanziell entgegen. Andernfalls hätte der Verband diese Entwicklung nicht tragen können. Die Ausweitung hatte jedoch auch mit den Voraussetzungen für die Aufnahme in bestimmte Zitationsindizes zu tun. Zunächst hieß es, wir müssten mindestens 18 Artikel veröffentlichen, später wurden weitere Anforderungen genannt. Die Zielmarke verschob sich immer wieder.
Warum ist das problematisch?
TG: Weil die Auswahlkriterien kommerzieller Datenanbieter nur begrenzt transparent und typischerweise nicht rein wissenschaftlicher Natur sind. Zugleich stellt sich die inhaltliche Frage, ob eine Zeitschrift mit 40 Artikeln automatisch besser ist als eine mit zwölf? Wir hatten anfangs ein sehr strenges Auswahlverfahren und lehnten viele Manuskripte ab. Eine geringe Zahl veröffentlichter Beiträge kann also gerade Ausdruck hoher Selektivität sein. Wenn Publikationsvolumen dennoch als Qualitätsmerkmal gilt, geraten kleine, wissenschaftsgeleitete Zeitschriften unter Druck. Für kommerzielle Anbieter ist die Zahl der Artikel naturgemäß auch wirtschaftlich relevant. Als neutraler Maßstab für wissenschaftliche Qualität eignet sie sich deshalb nur bedingt.
Dann greifen auch Reformvorschläge zu kurz, wenn sie sich an diesen Indizes orientieren?
TG: Genau. Definiert man das Universum förderungswürdiger Zeitschriften anhand kommerzieller Datenbanken, übernimmt man deren Auswahlentscheidungen. Dadurch werden viele kleinere, unabhängige oder neu entstehende Journals ausgeschlossen, bevor ihre inhaltliche Qualität überhaupt geprüft wird. Business Research war aus meiner Sicht bereits vor der Aufnahme in solche Indizes eine seriöse Zeitschrift. Sie wurde von etablierten Fachvertreter:innen geführt, veröffentlichte relevante Arbeiten und erzielte gute Zitationswerte. Der spätere Impact Factor bestätigte die Sichtbarkeit, schuf diese Qualität aber nicht erst.
Welche Schlussfolgerung folgt daraus für Diamond Open Access?
TG: Ein nachhaltiges Modell darf sich nicht allein auf bestehende Rankings, Impact-Faktoren oder kommerzielle Indizes stützen. Entscheidend sind transparente wissenschaftliche Kriterien. Das sind die Qualität der Begutachtung, die fachliche Relevanz, die Governance und die tatsächliche Nutzung der Beiträge. Zudem braucht ein Flipping verlässliche Kommunikation und langfristige Finanzierung. Beim Übergang von Business Research zum Schmalenbach Journal of Business Research haben wir erlebt, wie schnell Unsicherheit über neue Strukturen und Vertragsmodelle Autor:innen abschrecken kann. Selbst der Zusammenschluss zweier Verbände führte zunächst nicht zu mehr, sondern zu deutlich weniger Einreichungen.
Angenommen, Sie könnten das Publikationssystem grundlegend neu gestalten. Wie sähe Ihr ideales Modell aus?
TG: Mit Business Research waren wir diesem Ziel bereits recht nahe. Die Zeitschrift erfüllte im Grunde die Voraussetzungen für die Aufnahme in die maßgeblichen Indizes. Ohne den späteren Zusammenschluss mit der Schmalenbach-Gesellschaft wären wir vermutlich schneller aufgenommen worden und hätten eine ähnliche Strategie verfolgen können wie andere etablierte Hybridzeitschriften. Ich selbst habe die Herausgeberschaft damals vor allem deshalb übernommen, weil Business Research von Beginn an Open Access war. Engelbert Dockner hatte mich überzeugt, seine Funktion zu übernehmen, gerade weil ich dieses Modell sinnvoll und zukunftsweisend fand. Andernfalls hätte ich die Zeitschrift vermutlich kaum in Betracht gezogen, auch weil mein fachlicher Schwerpunkt eher in Economics als im Management liegt und die damaligen Ratings meine Entscheidung nicht unbedingt nahelegten. Gerade deshalb fand ich es interessant, an einem offenen Publikationsmodell mitzuwirken, das es in der Volkswirtschaft noch nicht gab.
Stellen wir uns das Publikationssystem ohne seine gewachsenen Strukturen vor. Würden Zeitschriftenratings darin noch eine Rolle spielen? Wie könnte der internationale wissenschaftliche Austausch in den Wirtschaftswissenschaften idealerweise organisiert sein?
TG: Für den wissenschaftlichen Austausch selbst braucht man keine Ratings. Forschende kennen die einschlägigen Fachzeitschriften ihres Gebiets, verfolgen die dortigen Debatten und begegnen neuen Arbeiten auf Konferenzen. Ob eine Zeitschrift in einem bestimmten Ranking geführt wird, ist dafür zunächst unerheblich. Problematisch sind Ratings vor allem dort, wo wissenschaftliche Leistungen von Fachfernen bewertet werden, etwa in Berufungsverfahren. Bei mehreren hundert Bewerbungen kann eine Kommission selbstverständlich nicht alle Arbeiten vollständig lesen. Sie benötigt deshalb Orientierungshilfen. Dazu können in erster Näherung auch Zeitschriftenbewertungen gehören.
Ratings wären demnach nicht grundsätzlich überflüssig?
TG: Nein, aber ihre Bedeutung müsste deutlich begrenzt werden. Entscheidend ist, wie eng und schematisch sie angewandt werden und welche weiteren Informationen berücksichtigt werden. Ratings sollten eine erste Orientierung bieten, nicht das abschließende Urteil über die Qualität einer Arbeit oder eines Forschenden. In den Wirtschaftswissenschaften haben sie sich jedoch zunehmend verselbstständigt. Sie werden im hektischen Alltag häufig wie absolute Qualitätsmaßstäbe behandelt, weil Zeit und Bereitschaft für ein informiertes Qualitätsurteil fehlen. Wenn wir ihre Bedeutung zurücknehmen würden, wäre für die Wissenschaft viel gewonnen.
Wie sähe die Alternative aus?
TG: Wissenschaftliche Arbeiten sollten wieder stärker durch ihren Inhalt und ihre Wirkung sichtbar werden. Es gibt herausragende Beiträge, die nicht in führenden internationalen Zeitschriften erschienen sind und dennoch ein Fach geprägt haben. Ein Beispiel ist Reinhard Selten. Eine seiner grundlegenden Arbeiten erschien in einer wenig bekannten deutschsprachigen Zeitschrift. Bekannt wurde sie nicht wegen des Renommees des Publikationsorts, sondern durch ihre wissenschaftliche Bedeutung und die Diskussion auf Konferenzen. Der Inhalt setzte sich durch. In diese Richtung müssten wir zurück. Der Publikationsort kann Orientierung geben, darf aber nicht wichtiger werden als das Argument selbst.
Seit einiger Zeit wird mit CoARA, der Coalition for Advancing Research Assessment, eine breitere Bewertung wissenschaftlicher Leistungen gefordert. Ein einzelner Indikator wie der Journal Impact Factor könne der Vielfalt von Forschung nicht gerecht werden. Dennoch verändert sich in der Praxis wenig. Was müsste geschehen, damit akademische Leistung differenzierter bewertet wird?
TG: Ich glaube nicht, dass wir dafür vor allem neue Scores brauchen. Die entscheidende Frage sollte lauten, ob eine Forscherin oder ein Forscher mit der eigenen Arbeit wissenschaftlich etwas bewirkt hat? Wofür steht die Person inhaltlich? Ob jemand zwei, drei oder zehn Beiträge in führenden Zeitschriften veröffentlicht hat, ist dann zweitrangig. An guten amerikanischen Universitäten wird stärker darüber diskutiert, welchen Beitrag eine Person zu ihrem Fach geleistet hat. Es wird weniger gezählt und stärker inhaltlich bewertet.
Das setzt allerdings voraus, dass Kommissionen die Forschung tatsächlich beurteilen können.
TG: Genau. Wer Kennzahlen zurückdrängt, muss inhaltliche Diskussionen führen. Dafür braucht man Wissenschaftler:innen, die über das eigene Spezialgebiet hinaus urteilsfähig sind. Das wird durch die zunehmende Spezialisierung schwieriger. Die fachliche Expertise wird immer enger. In der BWL zeigt sich das auch daran, dass die einzelnen Teildisziplinen teilweise kaum noch miteinander kommunizieren. Mitunter wissen Forschende aus einem Bereich nicht einmal, welche Fragen, Methoden oder Zeitschriften in einem anderen Teilgebiet relevant sind.
Spezialisierung ist für Forschung aber zunächst notwendig.
TG: Natürlich. Spezialisierung und Fokussierung ermöglichen wissenschaftlichen Fortschritt. Problematisch wird es, wenn daraus eine dauerhafte Verengung entsteht. Dann zerfällt eine Disziplin in immer kleinere Gemeinschaften, die kaum noch eine gemeinsame Sprache besitzen. Das betrifft auch ihre gesellschaftliche Wahrnehmung. Wenn sich die BWL in zahlreiche Teilgebiete aufspaltet, die untereinander kaum kommunizieren, wird es für Außenstehende schwierig zu erkennen, wofür die Disziplin insgesamt steht und welchen Beitrag sie leistet.
Gehört gesellschaftliche Relevanz deshalb ebenfalls zur wissenschaftlichen Leistung?
TG: Ja, unbedingt. Wissenschaftliche Leistung besteht nicht nur in spezialisierter Spitzenforschung. Forschende müssen ihre Ergebnisse auch in größere fachliche Zusammenhänge einordnen und in die Gesellschaft vermitteln können. Fokus und Breite dürfen nicht voneinander getrennt werden. Wer in einem Spezialgebiet etabliert ist, sollte auch wieder den Weg zurück in die fachübergreifende Debatte finden. Das ist anspruchsvoll, weil es bedeutet, anderen zuzuhören, ihre Perspektiven zu verstehen und über Fachgrenzen hinweg zu argumentieren.
Was bedeutet das für die BWL konkret?
TG: Die BWL kann gesellschaftlich nur dann relevant sein, wenn ihre Teildisziplinen miteinander sprechen. Marketing, Finance, Organisation oder Produktion müssen ihre unterschiedlichen Perspektiven auf gemeinsame Probleme beziehen können. Wenn die Verständigung innerhalb des Faches nicht mehr gelingt, wird auch die Kommunikation nach außen schwierig. Spezialisierung ist wissenschaftlich produktiv. Verengung hingegen führt dazu, dass weder andere Forschende noch die Gesellschaft verstehen, worüber eigentlich diskutiert wird.
Die Wirtschaftswissenschaften kennen die Probleme von Marktkonzentration und Netzwerkeffekten sehr genau. Warum halten Forschende dennoch an wenigen großen Verlagen und etablierten Zeitschriften fest?
TG: Karriereinteressen spielen eine große Rolle. Hinzu kommen starke Netzwerkeffekte. Wer bereits in etablierten Zeitschriften publiziert, dort gut vernetzt ist und von deren Reputation profitiert, hat wenig Anreiz, neue Wettbewerber zu unterstützen. Eigentlich wäre mehr Wettbewerb die naheliegende Antwort auf die Marktmacht weniger Verlage und Journals. Neue Zeitschriften haben es jedoch schwer, gegen bestehende Netzwerke anzutreten. Universitätsleitungen und Fachkollegien unterstützen solche Alternativen bislang nur begrenzt.
Liegt das auch am persönlichen Risiko?
TG: Ja. Für Nachwuchsforschende kann es riskant sein, in einer neuen oder ausdrücklich kritischen Zeitschrift zu publizieren. Wird ein solcher Publikationsort nicht anerkannt oder sogar als Stigma betrachtet, kann das die Karriere beeinträchtigen. Dann lautet die rationale Entscheidung häufig, beim etablierten System zu bleiben.
Gerade Ökonom:innen wissen aber, dass neue Marktteilnehmer:innen etablierte Strukturen aufbrechen können. Warum gelingt das im eigenen Publikationssystem nicht?
TG: Weil das Wissen über Wettbewerb nicht automatisch bedeutet, dass die Beteiligten auch ein Interesse an mehr Wettbewerb haben. Wer eine starke Position besitzt, versucht häufig, sie gegn den Wettbewerb abzusichern. Gerade in der Wissenschaft geht es nicht nur um Publikationen, sondern auch um die Kontrolle von Qualitätsstandards, Berufungen und Karrierewegen.
Welche Rolle spielen dabei Fachgremien und Rankings wie das frühere VHB-JOURQUAL?
TG: Der intensive Streit um solche Rankings erklärt sich auch daraus, dass sie Gatekeeper-Funktionen schaffen. Wer festlegt, welche Zeitschriften als besonders hochwertig gelten, beeinflusst zugleich den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt. Damit entscheidet man mittelbar darüber, welche Kandidat:innen gute Berufungschancen haben. Natürlich spielen dabei auch fachliche Überzeugungen eine Rolle. Es bestehen aber ebenso institutionelle und persönliche Interessen. Einzelne Fachgemeinschaften versuchen, ihre eigenen Standards zu etablieren und den Zugang zu ihrem Teil des Arbeitsmarktes zu kontrollieren.
Entstehen so innerhalb der BWL getrennte Machtbereiche?
TG: Zum Teil ja. Die Teildisziplinen sind weitgehend voneinander getrennt. Finance konkurriert nicht unmittelbar mit Marketing oder Produktion um dieselben Stellen. Dadurch kann jede Fachgemeinschaft eigene Bewertungsmaßstäbe und Netzwerke entwickeln. Über die konkrete Rangfolge der Zeitschriften besteht oft kein Konsens. Einig ist man sich aber darin, dass solche Rangordnungen Orientierung und Kontrolle ermöglichen. So entstehen Strukturen, die beinahe kartellartige Züge annehmen können.
Dann geht es weniger um den Wettbewerb der Ideen?
TG: Genau darin liegt das Problem. Der Wettbewerb richtet sich nicht allein darauf, welche Idee wissenschaftlich überzeugt. Es geht auch darum, wer die Standards setzt, Ressourcen verteilt und Zugang zum Arbeitsmarkt kontrolliert. Wo Wettbewerb herrscht, entstehen immer auch Anreize, sich ihm zu entziehen oder selbst die Gestaltungshoheit zu gewinnen. Das Publikationssystem zeigt daher nicht nur, wie Wissenschaft um die besten Erkenntnisse ringt. Es zeigt auch, wie intensiv um Einfluss und institutionelle Macht gekämpft wird.
Schauen wir auf die Ebene einer einzelnen Zeitschrift. Wie viel Gestaltungsmacht haben Herausgeber:innen? Und welche Rolle spielt der Verlag?
TG: Ich kann vor allem aus meiner Erfahrung mit den Zeitschriften des VHB und der Schmalenbach-Gesellschaft sprechen. Dort hatten die Herausgeber:innen durchaus erheblichen Einfluss. Business Research wurde von Sönke Albers als Open-Access-Zeitschrift gegründet. Dieses Konzept fand Unterstützung und wurde von den späteren Herausgebenden konsequent weitergeführt. Auch die Einbindung der Schmalenbach-Gesellschaft als weiterer Träger wurde wesentlich von uns angestoßen und begleitet.
Wo liegen die Grenzen dieser Gestaltungsmacht?
TG: Die Herausgeber:innen können die inhaltliche und strategische Entwicklung stark prägen. Am Ende müssen sich jedoch die finanzierenden Fachgesellschaften hinter das Modell stellen. Sie tragen die Kosten und entscheiden über Verträge. Deshalb müssen Herausgeber:innen ihre Pläne überzeugend begründen und nachweisen, dass die Zeitschrift sich in die gewünschte Richtung entwickelt. Bei Business Research konnten wir diese Entwicklung mit Einreichungszahlen, Reichweite und Zitationen belegen. Solange erkennbar war, dass wir auf einem tragfähigen Weg waren, haben die Fachgesellschaften unsere Vorschläge großzügig unterstützt.
Gab es auch Kontroversen über die Ausrichtung der Zeitschrift?
TG: Ja, insbesondere über den Anspruch, eine fachübergreifende Zeitschrift für die gesamte BWL zu sein. In einer zunehmend spezialisierten Wissenschaft liegt es nahe, sich auf ein enges Gebiet zu konzentrieren und dort eine führende Position anzustreben. Eine Zeitschrift kann kaum in allen Teilgebieten zugleich an der Spitze stehen. Wir haben uns dennoch bewusst für ein General-Purpose-Journal entschieden. Diese Ausrichtung wurde sehr intensiv mit den Vorsitzenden und den Fachgesellschaften diskutiert und letztlich mit großem Nachdruck beschlossen.
Ist der Verlag dabei eher Treiber oder Begrenzung?
TG: Bei publizistischen Fragen haben wir vergleichsweise viel Einfluss. Das betrifft Open Access ebenso wie die Umstellung von klassischen Special Issues auf fortlaufende thematische Collections und die Entwicklung hin zu stärker plattformbasiertem Publizieren. Der Verlag bezieht uns in solche Entscheidungen ein. Die schwierigeren Abstimmungen finden derzeit eher zwischen den Herausgeber:innen und den finanzierenden Fachgesellschaften statt. Dabei geht es weniger um redaktionelle Freiheit als um Finanzierung, Verträge und die strategische Organisation der Zeitschrift. Grundsätzlich können Herausgeber:innen also viel verändern.
Zum Abschluss noch zwei Fragen zu OLEcon, der Open Library Economics, einem wissenschaftsgeleiteten Open-Access-Angebot der ZBW. Wie bewerten Sie das Modell, Zeitschriften über ein Bibliothekskonsortium zu finanzieren? Welche Chancen bietet es für redaktionelle Unabhängigkeit und langfristige Planung?
TG: Grundsätzlich halte ich das Modell für sinnvoll und zukunftsweisend. Entscheidend ist allerdings, dass die Finanzierung nicht nur projektbezogen, sondern langfristig gesichert ist. Zeitschriften brauchen Planungssicherheit. Ein verlässliches Budget, verbunden mit regelmäßiger Evaluation, könnte dafür eine tragfähige Grundlage schaffen.
Wo sehen Sie mögliche Risiken?
TG: Man muss darauf achten, nicht lediglich eine neue Gatekeeper-Struktur zu schaffen. Wenn ein nationales Gremium über die Finanzierung entscheidet, bestimmt es mittelbar auch darüber, welche Zeitschriften wachsen und sich international entwickeln können. Wissenschaftsgeleitete Zeitschriften müssen flexibel bleiben. Sie richten sich häufig an eine internationale Autor:innen- und Leserschaft. Steigt die Zahl guter Einreichungen, steigen jedoch auch die Publikationskosten. Ein zu eng bemessenes Budget könnte dazu führen, dass qualitativ überzeugende Beiträge allein aus finanziellen Gründen abgelehnt werden müssen.
Die Finanzierung müsste also mit dem Erfolg der Zeitschrift wachsen können?
TG: Genau. Viele gute Einreichungen sind zunächst ein Erfolg. Sie dürfen aber nicht zum finanziellen Problem werden. Ein nachhaltiges Modell braucht deshalb Mechanismen, mit denen sich das Budget an eine positive Entwicklung der Zeitschrift anpassen lässt. Diese Frage beschäftigt auch die Fachgesellschaften. Sie wollen die internationale Reichweite ihrer Zeitschriften erhöhen, müssen zugleich aber die Kosten kontrollieren. Dieses Spannungsverhältnis würde auch bei einem konsortial finanzierten Modell bestehen.
Welche Rolle haben Bibliotheken bislang bei der Finanzierung gespielt?
TG: Unsere Erfahrungen waren zunächst widersprüchlich. Weil Business Research bereits Open Access publizierte, galt die Transformation gewissermaßen als abgeschlossen. Einige Bibliotheken sahen deshalb keinen weiteren Finanzierungsbedarf und gingen davon aus, dass die Fachgesellschaften die Kosten weiterhin allein tragen könnten. Dadurch entstand eine problematische Situation. Zeitschriften, die den Schritt zu Open Access bereits vollzogen hatten, konnten von Transformationsmitteln ausgeschlossen werden. Teilweise wurden Publikationskosten zudem auf einzelne Lehrstuhlbudgets verlagert, obwohl Autor:innen davon ausgegangen waren, dass entsprechende Vereinbarungen wie DEAL diese Kosten abdeckten. Solche Fälle zeigen, dass Bibliotheken und Fachgesellschaften nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Ein tragfähiges Konsortialmodell muss ihre Beiträge klar aufeinander abstimmen. Es sollte nicht nur die Umstellung auf Open Access finanzieren, sondern auch den dauerhaften Betrieb bereits transformierter Zeitschriften sichern.
Sie sind seit Juni 2026 Mitglied der Arbeitsgruppe „Open Science“ im VHB. Woran würden Sie erkennen, dass die AG Open Science des VHB erfolgreich gearbeitet hat?
TG: Viel wäre erreicht, wenn sich in der BWL eine offenere Fehler- und Debattenkultur etablieren würde. Es sollte selbstverständlich sein, publizierte Ergebnisse zu kommentieren oder auszubauen, Fehler zu benennen und auf Kritik zu antworten. Dafür braucht es keine endlosen Auseinandersetzungen, sondern geeignete Formate für Kommentare, Repliken und Korrekturen. Fehler können auch in methodisch sauberer, positiver Forschung entstehen. Noch wichtiger wird die Debatte dort, wo normative Annahmen und unterschiedliche wissenschaftliche Schulen eine Rolle spielen. Wenn diese Voraussetzungen offengelegt und verschiedene Perspektiven ernsthaft diskutiert werden, kann daraus wissenschaftlicher Fortschritt entstehen.
Der Erfolg der AG wäre also nicht allein an einzelnen Open-Science-Instrumenten zu messen?
TG: Genau. Entscheidend wäre eine Kultur, in der Kritik nicht als Angriff verstanden wird, sondern als konstitutiver Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit. Wenn wir in der BWL wieder stärker zu einer solchen Debattenkultur fänden, wäre bereits viel gewonnen.
Denken wir zum Abschluss noch größer. Welche gesellschaftliche Rolle sollte die BWL künftig spielen? Woran würde man erkennen, dass sie als Forschungsdisziplin Wirkung entfaltet?
TG: Die BWL kann zu vielen zentralen gesellschaftlichen Fragen beitragen, etwa zu Wettbewerbsfähigkeit, künstlicher Intelligenz, Digitalisierung, Innovation oder Resilienz. Nahezu alle Teildisziplinen verfügen dazu über relevante Perspektiven. Das Problem ist weniger ein Mangel an Wissen als dessen Fragmentierung. Wenn die einzelnen wissenschaftlichen Kommissionen unabhängig voneinander auftreten, entsteht kein wahrnehmbarer Beitrag der BWL als Gesamtfach. Die Herausforderung besteht darin, diese Perspektiven zusammenzuführen und öffentlich sichtbar zu machen.
Was könnte eine solche Bündelung leisten?
TG: Denkbar wäre eine institutionelle Plattform, die betriebswirtschaftliche Forschung zu großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen zusammenführt. Ein Managementforschungsinstitut oder ein vergleichbares Netzwerk könnte die unterschiedlichen Perspektiven bündeln und daraus wissenschaftlich fundierte Beiträge für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort entwickeln. Es gibt bereits Ansätze. Einrichtungen und Fachgesellschaften greifen Themen wie Innovation oder Resilienz auf und bringen Wissenschaft und Praxis zusammen. Auch die Schmalenbach-Gesellschaft leistet mit ihren Tagungen und Schwerpunktthemen einen wichtigen Beitrag. Was bislang fehlt, ist eine vergleichbare öffentliche und politische Sichtbarkeit, wie sie einige wirtschaftswissenschaftliche Forschungsinstitute besitzen. Die Stärke der BWL liegt gerade in ihren unterschiedlichen Perspektiven auf Unternehmen, Märkte und Organisationen. Wenn es gelingt, diese Perspektiven zu bündeln und die zugrunde liegenden Erkenntnisse im Sinne von Open Science transparent, zugänglich und diskutierbar zu machen, kann die BWL zu großen gesellschaftlichen Fragen wesentlich sichtbarer und wirksamer beitragen.
Vielen Dank!
Das Interview wurde am 1. Juli 2026 geführt von Dr. Doreen Siegfried.
Über Prof. Dr. Thomas Gehrig
Thomas Gehrig ist Professor für Finance an der Universität Wien und international ausgewiesener Experte für Banken, Finanzmärkte und systemische Risiken. Seine Forschung befasst sich insbesondere mit Marktmikrostruktur, Bankenregulierung, Finanzstabilität, Corporate Governance und der Funktionsweise von Finanzmärkten. Gehrig ist Co-Chefredakteur des Schmalenbach Journal of Business Research. Darüber hinaus engagiert er sich seit vielen Jahren für Open Access und offene Publikationsmodelle, unter anderem als Herausgeber mehrerer Open-Access-Zeitschriften. 2024 verlieh ihm die Hanken School of Economics die Ehrendoktorwürde.
Kontakt: https://homepage.univie.ac.at/thomas.gehrig/cv.html
ORCID.ID: https://orcid.org/0000-0003-1464-5742
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