Von der ZBW in die EOSC
ZBW schafft Forschungsdateninfrastrukturen, die auf europäischer Ebene anschlussfähig sindit ZBW-Direktor Prof. Dr. Klaus Tochtermann

Die European Open Science Cloud (EOSC) soll Forschungsdaten in Europa besser auffindbar und nutzbar machen. Entscheidend ist dabei nicht ein zentrales Archiv, sondern die Verbindung vieler bestehender Angebote über gemeinsame Regeln und technische Schnittstellen. Genau daran arbeitet die ZBW. Im Rahmen der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) entwickelt und betreibt sie Bausteine, die Forschungsdaten aus den Wirtschaftswissenschaften europaweit sichtbar machen und zeigt damit, wie sich nationale Infrastrukturarbeit in die europäische Föderation übersetzen lässt.
Die European Open Science Cloud (EOSC) verfolgt ein klares Prinzip. Forschungsdaten sollen in Europa leichter auffindbar und nutzbar werden, auch über Länder- und Einrichtungsgrenzen hinweg. Dafür werden nicht alle Daten in ein einziges zentrales System verschoben. Stattdessen bleiben sie dort, wo sie entstehen, beschrieben und veröffentlicht werden. Sichtbar und nutzbar werden sie europaweit, weil sich die beteiligten Einrichtungen auf gemeinsame Spielregeln einigen. Diese lauten: einheitliche Standards für die Beschreibungen der Daten, verlässliche technische Schnittstellen und persistente und eindeutige Identifikatoren.
Für die ZBW ist diese Logik handlungsleitend. Als Infrastruktureinrichtung organisiert die ZBW Zugänge zu wirtschaftswissenschaftlicher Literatur und überträgt dieses Prinzip zunehmend auch auf Forschungsdaten. Im Rahmen der NFDI setzt die ZBW die Bereitstellung dieser Daten in der EOSC entlang klar umrissener Anwendungsfälle um. So wird sichtbar, wie sich nationale Infrastruktur-Bausteine Schritt für Schritt an die europäische Infrastruktur anschließen lassen. 2025 hat die ZBW dafür technische und organisatorische Grundlagen geschaffen, die auf europäischer Ebene anschlussfähig sind. Daten werden so beschrieben und zugänglich gemacht, dass sie übergreifend gefunden werden können, Datensätze erhalten stabile Identifikatoren, und Such- und Nachnutzungswege werden so umgesetzt, dass sie auch außerhalb des eigenen Portals funktionieren.
NFDI als nationaler Rahmen
Die NFDI ist der nationale Rahmen für den Aufbau von Forschungsdateninfrastrukturen in Deutschland. Sie arbeitet in fachlichen Konsortien, die Anforderungen aus ihren Communities aufnehmen und in konkrete Angebote übersetzen. In den Wirtschaftswissenschaften sind dies BERD@NFDI für die betriebswirtschaftliche Forschung und NFDI4Society, vorher bekannt als KonsortSWD, für volkswirtschaftlich relevante Datenräume. In beiden Fach-Konsortien ist die ZBW der zentrale Infrastrukturpartner, der die Entwicklungen seit der Startphase begleitet und kontinuierlich umsetzt.
Für die ZBW heißt das, dass sie als Infrastrukturpartner in den Konsortien ihre technische Expertise ganzheitlich einbringt– von der Erhebung der Bedarfe über Konzeption und Umsetzung bis hin zu Betrieb und Weiterentwicklung von Forschungsdateninfrastrukturen. Dieses Engagement ist ein wesentlicher Teil ihres Beitrags und verdeutlicht, die wichtige Rolle der ZBW. Die ZBW übersetzt fachliche Anforderungen in konkrete Software- und Serviceentwicklung und übernimmt den zuverlässigen Betrieb.
Ein Forschungsdatenrepositorium, das europäisch anschlussfähig ist
Im Mittelpunkt stand 2025 ein Use Case aus dem BERD-Konsortium, der zeigt, wie die NFDI-Arbeit in die EOSC hineinwirkt: Der Betrieb des BERD Data Portal für die betriebswirtschaftliche Forschungsgemeinschaft. In diesem Data Portal können BWL-Forschende ihre Daten nun ablegen, veröffentlichen und mit ihrer Community teilen. Ein zentraler Baustein ist die Vergabe eines dauerhaften Identifikators, eines Digital Object Identifier (DOI). Die DOI macht Datensätze zitierfähig und ermöglicht so, Daten persistent mit Publikationen zu verknüpfen.
Inhaltlich adressiert das Data Portal konkrete Bedarfe der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere in Bereichen, in denen Daten nicht in klassischen Tabellen vorliegen. Dazu gehören beispielsweise textbasierte Bestände und andere unstrukturierte Datensammlungen. Zusätzlich werden Datensammlungen aus anderen Quellen kuratiert und so bereitgestellt, dass sie für die Fachcommunity an einer zentralen Stelle recherchierbar sind – eine entscheidende Erleichterung in der Forschungspraxis. Das Data Portal ist nicht nur „Ablage“, sondern unterstützt das Auffinden, Einordnen und Nutzen von Daten.
Warum „Datenbeschreibung“ Infrastrukturarbeit ist
Ob Daten gefunden und genutzt werden können, hängt stark davon ab, wie sie beschrieben sind. Die Forschenden selbst haben hier den besten Einblick. Darum war 2025 die Arbeit an sogenannten Metadaten, also an den Angaben, die einen Datensatz beschreiben und auffindbar machen, ein zentraler Teil der Infrastrukturarbeit.
Die ZBW setzt hier an zwei Punkten an. Zum einen geht es um einfache und verständliche Einreichungsmöglichkeit, sprich: Usability. Das heißt, Eingabeformulare und Hilfen wurden so gestaltet, dass Forschende die wichtigsten Angaben ohne Spezialwissen erfassen können. Zum anderen spielt die Qualitätssicherung vor der Veröffentlichungeine wesentliche Rolle. Bevor ein Datensatz veröffentlicht wird, werden Vollständigkeit und grundlegende Qualität der Angaben von sogenannten Data Stewards geprüft.
Ergänzend holte die ZBW 2025 in umfangreichen Usability-Studien systematische Rückmeldungen aus der Praxis ein. Dabei wurde beobachtet, ob typische Aufgaben wie Daten einstellen, Daten finden oder Daten nachnutzen tatsächlich funktionieren, und wo Verbesserungsbedarf besteht.
Im Zentrum der Arbeit der ZBW steht hier also das Zusammenführen von Technik und Wirkung. Denn europäische Auffindbarkeit entsteht nicht allein durch Regeln und Standards, sondern auch dadurch, dass Daten so beschrieben werden, dass sie langfristig und maschinell nutzbar sind – auch außerhalb des eigenen Portals.
Anschluss an die EOSC nicht durch Umzug, sondern Anschlussfähigkeit
Der Weg von der NFDI als nationalem Beitrag aus Deutschland für den Aufbau eines europäischen Datenraums für Forschungsdaten folgt dem föderierten Prinzip der EOSC. Beispielsweise bleiben die Datensätze im BERD Data Portal, dem zentralen Repositorium von BERD@NFDI. Europaweit sichtbar werden sie, indem ihre Beschreibungen in übergreifende Such- und Nachweissysteme eingespeist werden. Technisch geschieht das über Dienste, die die beschreibenden Metadaten aus zahlreichen Quellen zusammenführen. Für die Suchkontexte der EOSC spielt OpenAIRE eine zentrale Rolle, weil es Metadaten aus Repositorien übernimmt und in einem einheitlichen Suchindex bündelt. OpenAIRE ist eine europäische Plattform, die Metadaten zu wissenschaftlichen Publikationen, Forschungsdaten, Software und Projekten sammelt und miteinander verknüpft.
Für die ZBW bedeutet dies, dass die Metadaten der Forschungsdaten in geeigneten Formaten bereitgestellt und Schnittstellen so implementiert werden, dass das Einsammeln zuverlässig funktioniert. Der Beitrag zur EOSC besteht damit nicht im „Umzug“ von Daten, sondern in der Anschlussfähigkeit – durch klare Datenbeschreibungen, verlässliche technische Zugänge und nachvollziehbare Zuordnungen zwischen lokalen und übergreifenden Formaten.
Dauerhafte Infrastrukturen sichern die EOSC
Damit die EOSC als föderierte Forschungsdateninfrastruktur funktioniert, müssen unterschiedliche Systeme auf einer gemeinsamen Ebene zusammenarbeiten. Dabei entsteht ein typisches Spannungsfeld: Lokale Systeme liefern Daten oft sehr detaillierte Datenbeschreibungen, während auf europäischer Ebene hingegen eine Vereinheitlichung über viele Quellen hinweg erforderlich wird, damit eine gemeinsame Suche möglich ist. Das kann bedeuten, dass nicht jede Angabe überall gleich sichtbar ist.
Genau hier liegt ein Teil der wesentlichen Arbeit in der ZBW. Anschlussfähigkeit entsteht nicht automatisch, sondern durch Übersetzungsarbeit zwischen Fachlogik und technisch vereinbarten Standards. Das heißt, um europäische Ziele praktisch umzusetzen, braucht es neben dauerhaft betriebenen Plattformen und Diensten, auch Standards, verbindliche Schnittstellen und Qualitätsprozesse.
Mehr Sichtbarkeit, weniger Doppelarbeit, bessere Kooperation
Die Wirkung der EOSC-Anbindung zeigt sich auf mehreren Ebenen. Für Nutzer:innen in Europa werden Datensätze über übergreifende Suchzugänge auffindbar, auch wenn das BERD Data Portal, entwickelt von den Software-Entwicklern der ZBW, zuvor nicht bekannt ist. Für Forschende bedeutet die Veröffentlichung von Daten über das Repositorium eine größere Sichtbarkeit, ohne dass Datensätze zusätzlich in weiteren Systemen abgelegt werden müssen, um die Nachnutzung zu erhöhen. Und für das Gesamtsystem schafft die technische Integration belastbare Arbeitsbeziehungen zwischen Diensten und Teams. Kooperation wird damit zu einem Bestandteil des laufenden Betriebs.
Die Anbindung des BERD Data Portals and die EOSC ist auch deshalb bedeutsam, weil es als Pilot für einen wiederholbaren Ansatz bietet, nämlich die Anbindung von Forschungsdatenrepositorien an die EOSC oder andere Nachweissysteme. Damit erfüllt die ZBW eine doppelte Funktion. Sie bringt eigene Kompetenzen und Angebote in den europäischen Kontext ein und liefert ein Vorgehensmodell, das andere Einrichtungen übernehmen können.
Leitidee FAIR – Erst dann belastbar, wenn die passende Infrastruktur vorhanden ist
Die FAIR-Prinzipien bilden den Orientierungsrahmen für den Umgang mit Forschungsdaten. FAIR bedeutet, dass Daten auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein sollen. Ziel ist es, dass Daten nicht nur für Menschen verständlich sind, sondern auch von digitalen Diensten verarbeitet werden können – etwa für Suche, Verknüpfung, Auswertung oder Nachnutzung in anderen Kontexten.
Entscheidend ist, dass FAIR nicht allein dadurch entsteht, dass Forschende Daten “gut beschreiben“. FAIR wird erst dann belastbar, wenn die passende Infrastruktur vorhanden ist und dauerhaft betrieben wird. Dazu gehören stabile, dauerhafte Identifikatoren (zum Beispiel DOIs), damit Datensätze eindeutig referenzierbar bleiben, auch wenn sich technische Umgebungen ändern. Ebenso wichtig sind maschinenlesbare Metadaten, die Kontext liefern etwa zu eingesetzten Methoden, zu verwendeten Variablen, zu Lizenzen oder Zugangsbedingungen. Erst wenn solche Angaben strukturiert vorliegen, können Suchmaschinen Datensätze zuverlässig finden und Nutzende in ihrer Einschätzung unterstützen, inwieweit sie geeignet sind.
Für Interoperabilität braucht es außerdem gemeinsame Schnittstellen und Austauschformate, damit Repositorien, Kataloge und andere Dienste Datenbeschreibungen automatisiert übernehmen und zusammenführen können. Hier zeigt sich, dass FAIR auch eine Frage von Übersetzungsarbeit ist. Lokale, fachspezifische Detailtiefe muss so abgebildet werden, dass sie in übergreifenden europäischen Such- und Nachweissystemen erhalten bleibt.
Die Grundlage zur Umsetzung der FAIR Prinzipien beruht schließlich auf einer verlässlichen Infrastruktur: klare Prozesse für Einreichung und Prüfung, Versionierung und Zitierfähigkeit, dokumentierte Zuständigkeiten sowie Maßnahmen zur langfristigen Verfügbarkeit von Datensätzen schaffen Vertrauen. In diesem Sinne ist FAIR nicht nur ein Etikett für Datensätze, sondern das Zusammenspiel von geteilten Regeln, sowie aus Technik und Betrieb. Und genau hier setzt Infrastrukturarbeit wie die der ZBW an.

Hörtipp:
In Folge 55 unseres Podcasts „The Future is Open Science” berichtet Janne Jensen, Softwareentwickler an der ZBW, über seine Arbeit am BERD Data Portal und darüber, welche Chancen durch den Aufbau des Web of FAIR Data für Forschende entstehen.
URL: podcast.zbw.eu/fos/2025/12/23/fos-55-das-berd-data-portal
Der Text wurde verfasst im April 2026.
